Buddhismus in Hamburg

(überarbeitet von Volker Köpcke, Stand Januar 2019)

Die früheste nachweisbare Beschäftigung mit den Buddhistischen Lehren des indischen Pali-Kanons begann wohl schon im Jahr 1879 in Hamburg, denn damals gründete der Arzt Dr. Harald Wiesendanger  im Hotel ?? die inoffizielle „Loge Isis“ (benannt nach dem Werk „Isis entschleiert“ von Helena Blavatsky) der Theosophischen Gesellschaft TG (Theosophical Society), die im Jahre 1875 in New York u.a. von dem US-amerikanischen Oberst Henry Steel Olcott (1832-1907) und der deutsch-russischen Adeligen Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891) geb. Helena Petrovna Gräfin von Rottenstern-Hahn sowie William Quan Judge (1851-1896), gegründet worden war. In den ersten Jahren nach der Gründung der TG im Jahre 1875 stand die Erforschung des Okkultismus im Vordergrund, doch ab etwa 1878 propagierte Olcott vor allem den Buddhismus in der TG und 1880 bekannten sich Olcott und Blavatsky in Sri Lanka offiziell zum Buddhismus und publizierten 1881 erstmalig den „Buddhistischen Katechismus“ in Singhalesisch und Englisch. In dieser „inoffiziellen“ Loge Isis und der nachfolgenden offiziellen Loge Hamsa der Theosophische Gesellschaft Adyar in Deutschland beschäftigten sich die Mitglieder dann bis etwa 1894 u.a. hauptsächlich mit den Lehren des indischen und ceylonesischen Buddhismus, was sich aber ab dem Jahr 1895 durch die neue Leiterin der Theosophischen Gesellschaft Adyar, Annie Besant (1847-1933) ändern sollte, da diese sich mehr für den Neo-Hinduismus interessierte.

Aus diesem theosophischen Umfeld kamen dann wohl auch die ersten Mitglieder der im Jahr 1906 erstmalig erwähnten Hamburger Ortsgruppe der „Buddhistischen Gesellschaft für Deutschland“, die am 08.05.1905 in Leipzig von dem Indologen und Buddhisten Dr. phil. Karl Berndhard Seidenstücker (1876-1936) gegründet wurde, deren Ehefrau auch Theosophin war und mit deren Lehre er sich auch vorher intensiv beschäftigte. Ein Vorgängerverein wurde zwar schon im Jahre 1903 unter dem Namen „Buddhistischer Missions-Verein in Deutschland“ gegründet, musste aber nach kurzer Zeit wegen verschiedener Gründe aufgelöst werden. Nachfolgend gründete er auch noch im Jahr 1907 die „Mahabodhi-Centrale“, der aber auch kein langer Bestand beschienen war und am 01.05.1911 den „Deutschen Zweig der „Mahabodhi-Gesellschaft“, die sich als offizielle Vertretung der „Maha Bodhi Society of India“ verstand,  die 1891 von dem Singhalesen Anagarika Dharmapala in Colombo (Sri Lanka)  bzw. Kalkutta (Indien) gegründet wurde. Aufgrund von internen Konflikten innerhalb der Gruppe und Schuldzuweisungen ihm gegenüber zog sich Seidenstücker aber bereits im April 1913 von der öffentlichen Beschäftigung und dem Engagement für den Buddhismus in Leipzig erstmal zurück, brachte dann aber wieder ab 1919 die Zeitschrift „Buddhistischer Weltspiegel“ zusammen mit Georg Grimm heraus, mit dem er auch am 20.7.1921 in Leipzig bzw. München die „Die Buddhistische Gemeinde für Deutschland“ gründete, welche von Grimm alleine am 26.9.1924 in „Buddhistische Loge zu den drei Juwelen“, und im Juli 1935 in Utting zur „Altbuddhistischen Gemeinde“ umgetauft wurde, die gegen Ende des Jahres 2002 wegen mangelnden Interesses und Mitglieder aufgelöst wurde.

Der angesehene Arzt Prof. Dr. Hans Much (1880-1932), der sich unter anderem als Entdecker einer Tuberkel-Bazille und Entwickler der Spalt-Tablette einen Namen gemacht hatte, stand der Hamburger Ortsgruppe des „Bundes für buddhistisches Leben“ bis gegen Ende 1920 vor, der im Jahr 1912 vom Arzt Dr. Wolfgang Bohn (Vasettho, 1871- ???) in Dölau bei Halle gegründet wurde und welcher sich vorher neben  u.a. mit Seidenstücker als Schriftleiter des Organs “Die buddhistische Welt: Deutsche Monatsschrift für Buddhismus“  in der Deutschen Pali-Gesellschaft engagierte.

Im Jahr 1921 wurde die Gruppe dann unbenannt in “Bund für buddhistisches Leben, gleichzeitig Deutscher Zweig der Internationalen Mahâbodhi-Gesellschaft”, stellte aber bereits gegen Ende 1927 wegen mangelnden Interesses wieder ihre Tätigkeit in fast ganz Deutschland, außer in München, ein, wo dann 1928 aus den verbliebenen Aktiven die Buddhistische Gemeinde München entstand.

Neben etlichen medizinischen und plattdeutschen Werken schrieb Dr. Much auch folgende Werke mit buddhistischem Inhalt:
Denken und Schauen“. Curt Kabitzsch, Würzburg 1913
Buddha, der Schritt aus der Heimat in die Heimatlosigkeit.“ Albert Müller, Zürich 1914
Auf dem Wege des Vollendeten.“ Hans Sachs, München 1918
Dhammapada, das hohe Lied der Wahrheit des Buddha Gautama“. Adolf Saal, Hamburg 1920
Die Heimkehr des Vollendeten. Ein Erlebnis.“ Adolf Saal, Hamburg 1920
Ich nahm meine Zuflucht … : Flugsamen aus e. abendländichen [sic] Buddhagarten“. Leipzig : Altmann, 1920.
Buddhistische Weisheit“. Leipzig : M. Altmann, 1920
Buddha und wir“. Adolf Saal, Hamburg, 1920.
Die Welt des Buddha. Ein Hochgesang“. Carl Reißner, Dresden 1922.
Gautama Buddha “Das Hohe Lied der Wahrheit” : Dhammapada. Freiburg i.Br. ; Basel [etc.] : Herder, 1992
An Buddhas Hand : Lieder der Erweckung“.

Zwischen 1921 und 1936 bestand eine weitere buddhistische Gruppe, die am 08.01.1921 im Alsterhotel von Walter Mankiewicz (30.04.1893-29.12.1963) gegründet wurde und auch dem “Bund für Buddhistisches Leben” von Dr. Bohn in Halle angeschlossen war. Mankiewicz leitete die Gruppe bis zum Jahr 1929 und zog dann nach Ulzburg, wo er am 29.12.1963 verstarb.
Die Hamburger Gruppe wurde dann ab 1929 von Walter Persian (11.05.1905-11.10.1983) geleitet und im Frühjahr 1932 in die erste „Buddhistische Gesellschaft Hamburg“ umbenannt, die ungefähr bis zum Jahr 1936 bestand, als Walter Persian von den Nazis verhaftet und einige Zeit eingesperrt worden war, da er u.a. den Kriegsdienst verweigerte. Am 10.06.1940 meldete er sich dann überraschend nach Düsseldorf ab, wo er sich dann während der Krieges nicht mehr öffentlich betätigte, sondern sich nur als Autor und Journalist durchschlug bis er wieder nach dem Kriegsende im Dezember 1946 die „Buddhistische Gemeinde Deutschlands“ gründete, mit der er schon damals eine Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts zu erlangen versuchte, was er aber leider nicht umsetzten konnte. Im Winter 1948/1949 stellte er völlig überraschend seine Tätigkeit für die Verbreitung des Buddhismus in Deutschland ein, weil die größte lokale, damals streng katholisch orientierte Zeitung dieses Engagement beanstandete und mit Auftragsentzug drohte. Er schriebe dann nur noch vereinzelt einige Beiträge im buddhistischen Kontext für die Hamburger Zeitung „DIE ZEIT“:
https://www.zeit.de/1948/10/tibets-totenbuch
https://www.zeit.de/1948/18/die-nachfolge-buddhas-und-die-deutschen-buddhisten
https://www.zeit.de/1948/41/geheimnisse-in-tannu-tuwa
https://www.zeit.de/1948/49/raetselstadt-lhassa
https://www.zeit.de/1990/45/buddhismus
https://www.zeit.de/1948/18/die-nachfolge-buddhas-und-die-deutschen-buddhisten/seite-2
https://www.zeit.de/1950/08/der-abenteuerliche-weg-nach-lhasa
https://www.zeit.de/1950/33/der-herrscher-tibets-ist-maechtiger-als-die-anderen
https://www.zeit.de/1950/44/stalinismus-zertruemmert-den-buddhismus
https://www.zeit.de/1950/47/buergerkrieg-in-nepal
https://www.zeit.de/1953/08/geiger-wurde-eremit

Quellen:
https://www.buddhismuskunde.uni-hamburg.de/pdf/4-publikationen/buddhismus-in-geschichte-und-gegenwart/bd11-k10muermel.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Seidenst%C3%BCcker
http://wiki.yoga-vidya.de/Yoga_Hamburg
http://www.payer.de/steinke/steinka6.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Buddhismus_in_Deutschland
https://web.archive.org/web/20150816203312/http://www.tibet.de/tib/tibu/1998/tibu47/47christ.html
http://www.buddha-dhamma.de/pioniers.htm
http://www.buddha-dhamma.de/geschichte.htm
https://www.buddhismuskunde.uni-hamburg.de/pdf/4-publikationen/buddhismus-in-geschichte-und-gegenwart/bd6-k04hecker.pdf
https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/buddhismus-deutschland-geschichte/seite-2

In Hamburg kam es auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu einer lebhafteren Entfaltung der buddhistischen Tätigkeit.
Im Sommer 1947 schlossen sich einige „alte“ Buddhisten, zu denen ca. 30 Personen gehörten, wieder unter der Leitung von Dr. med. Helmut PaImie (27.02.11896-18.10.1954) in einer Gruppe unter der Bezeichnung  “Buddhistische Gemeinde Hamburg” zusammen und fungierten zuerst als Ortsgruppe der „Buddhistischen Gemeinde Deutschlands“, die von Walter Persian in Düsseldorf gegründet wurde. Mitte 1949 wurde dann die Gruppe etwas unbenannt in „Buddhistische Gemeinde Hamburg – Arbeitsgemeinschaft Dr. Palmie“ woraus dann Anfang der 50er Jahre der Verein “Buddhistischer Arbeitskreis Hamburg e.V.” wurde, der aber kurze Zeit nach dem Freitod von Dr. Palmie am 18.10.1954 wieder aufgelöst wurde.
Ab dem 03.07.1948 gab Dr. Palmie ein Mitteilungsblatt heraus, dass ab 1949 mit  der Bezeichnung „Studia Pali Buddhistica“, ab 1950 mit der Bezeichnung „Epistola Pali Buddhistica“, von Mitte 1950 bis Ende 1951 gar nicht wegen geringem Interesse der Leser und von 1952 bis Anfang 1954 mit der Bezeichnung „Wissen und Wandel: Studia Pali-Buddhistica. Blätter für Freunde des Pali-Buddhismus“ erschienen ist.
Neben Dr. Palmie gab es noch eine weitere Gruppe, die vom Ahrensburger Paul Debes (08.09.1906-06.06.2004) im Februar 1948 gegründet wurde und welche ab 1950 den Namen „Deutscher Kreis zur Orientierung in der Wirklichkeit, Sitz: Hamburg“ hieß, aber ab 1955 den Namen “Buddhistisches Seminar” trug und die noch heute, allerdings nicht mehr in Hamburg, fortbesteht.
Ab Oktober 1949 veröffentlichte er auch regelmäßige Rundbriefe, die zuerst „Rundbriefe zur Wirklichkeit-Erforschung nach der Lehre des Buddha“, ab der 8. Ausgabe (1950) „Rundbriefe zur Erforschung der Wirklichkeit“ und ab 1955 „Wissen und Wandel: Rundbriefe zur Orientierung in der Wirklichkeit“ hießen und dann von Dr. Hellmuth Hecker, Dr. Fritz Schäfer und Paul Debes gemeinsam herausgegeben wurden.

GRÜNDUNG UND ENTWICKLUNG DER BGH:

Am 9. Oktober 1954 wurde auf Anregung des singhalesischen Mönches Narada Mahathera von Paul Debes, Max Glashoff, Dr. jur. Hellmuth Hecker, Dr. med. Wilfried Klinger, Dorothea Gräfin von Matuschka, Carl Roosen und Wilhelm A. Stegemann die „Buddhistische Gesellschaft Hamburg“ als nicht eingetragener Verein gegründet.
Narada Mahathera übernahm das Patronat, ihm sollten 1987 Ayya Khema und 1998 Bhante Seelawansa folgen. Die Gesellschaft wurde gegründet als eine Vereinigung von Personen, welche die im Pali-Kanon niedergelegte Lehre des Erwachten als eine wirklichkeitsgemäße Aussage über das Dasein anerkennen und sich bemühen, ihr Leben dem entsprechend einzurichten (ursprüngliche Satzung).
In das erste Jahr ihres Bestehens, 1955, fiel das für den deutschen Buddhismus so wichtige Ereignis der Gründung einer Dachorganisation, der „Deutschen Buddhistischen Gesellschaft“ in Frankfurt (seit 1958 Deutsche Buddhistische Union), an deren Gründung nur die Gruppen: „Buddhistische Gemeinde München“, „Buddhistische Gesellschaft Hamburg“, „Altbuddhistische Gemeinde“ und einige Einzelpersonen teilnahmen und deren Geschäftsstelle sich u.a. über 20 Jahre bei Max Glashoff in Hamburg befand.
Mit einer neuen Satzung Ende 1955 erlangte die nunmehr Buddhistische Gesellschaft Hamburg 1956 als erste deutsche buddhistische Vereinigung Gemeinnützigkeit. Am 05.02.1958 wurde die BGH eingetragener Verein im Vereinsregister Nr. 5994 in Hamburg. Mit einer nochmaligen Änderung der Satzung erfuhr das inhaltliche Programm des Vereins später jedoch eine grundlegende Veränderung:
“Die Gesellschaft hat den Zweck, die Lehre des Buddha in einer dem Europäer verständlichen Form darzulegen, die Möglichkeit zu Ihrer Vertiefung zu geben und den Mitgliedern und Freunden bei der Anwendung der Lehre im täglichen Leben behilflich zu sein. Aus der Erkenntnis der unterschiedlichen Mentalität der Menschen lässt die BGH in Wort und Schrift alle buddhistischen Richtungen sprechen, die das gleiche Ziel haben, aber unterschiedliche Wege gehen.”

Nach anfänglichen Treffen in Privatwohnungen und Vorträgen in Schulen konnte im Sommer 1956 das Buddhistische Holzhaus nahe dem Berliner Tor auf dem Grundstück von Gustav Prietsch, Beim Strohhause 14 eingeweiht werden. Der dortige Vortragsraum bot Platz für 120 Personen und eine Bibliothek. Viele Gäste des In- und Auslandes, darunter Mönche aus Asien, besuchten diese Stätte zu Vorträgen, Meditation, Einzel- und Gruppengesprächen. 1960 (am 18. März 1960) gründeten die Mitglieder der BGH auch den gemeinnützigen Verein “Haus der Stille e. V.” (Amtsgericht Hamburg VR 6236: eingetragen 10.05.1960), um in Roseburg (bei Mölln) ein Meditationszentrum zu betreiben, dass genauso wie die BGH zu den Ältesten seiner Art in Deutschland zählt.

1971 – 1980: Das Holzhaus musste auf Verlangen der Stadt Hamburg 1971 geräumt werden, wurde 1972 abgerissen und seitdem wird die dortige Fläche als Parkplatz genutzt. Die BGH war nun wieder ohne Heimat. Eine Notlösung fand sich in der Friedensakademie. 1976 konnte dank einer großzügigen Spende eine Eigentumswohnung im Graumannsweg gekauft werden. Die Arbeit wurde wieder intensiviert, die stetig wachsende Bibliothek wieder aufgestellt. Für größere Veranstaltungen musste erneut auf Schulen ausgewichen werden, das Bedürfnis nach einem größeren Zentrum blieb bestehen. Dank weiterer Spenden und dem Erlös der Eigentumswohnung war es 1979 möglich, in der Beisserstraße 23 ein Haus samt Gartengrundstück zu erwerben. Im Frühjahr 1980 wurde das neue Zuhause als Gemeinschaftszentrum der BGH eingeweiht.

1991 – heute: Im Jahre 1991 wurde das Nachbarhaus Beisserstr. 25 erworben, das unter großem Einsatz der Hausbewohner, Mitglieder und Freunde der BGH ausgebaut wurde. Zuerst diente das Haus u.a. auch als Sitz des von BGH-Mitgliedern gegründeten Vereins „Deutscher Sangha e.V.“ (Amtsgericht Hamburg VR 13136: eingetragen 23.01.1992, gelöscht 13.01.1999), der aber nur einige Jahre bestand und abgelöst wurde von dem Verein „BUDDHISTISCHE GEMEINDE “THERAVADA e.V.”( Amtsgericht Hamburg VR 18091: eingetragen 18.03.2004, gelöscht: 17.04.2009).  Diese Räumlichkeiten werden gegenwärtig vom Thai Buddhistischen Verein Hamburg e. V. (TBV) (vormals „Thai-Buddhistische Vereinigung in Deutschland e.V.“ Amtsgericht Hamburg VR 10028: eingetragen 19.04.1983) genutzt, der häufig, besonders während der Regenzeit, Mönche aus Thailand einlädt.

Das Haus in der Beisserstraße 23 wurde im Laufe der Jahre mehr und mehr ausgebaut, heute gibt es zwei Meditations- bzw. Veranstaltungsräume, eine große Bibliothek, ein Büro und einen Garten mit einem kleinen Teich. Von der BGH eingeladene Ordinierte und Lehrer /-innen werden im Dachgeschoss des Hauses untergebracht.

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