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Zweifle am Abend über das Tun des vergangenen Tages Tang Yin - ein Maler und Chan-Poet im China der Ming-Zeit Hans-Günter Wagner
Schon seit einigen Jahren befasse ich mich mit der Lyrik des chinesischen Chan-Buddhismus und übersetze solche Verse ins Deutsche. Leider ist im Westen bisher nur sehr wenig über diese Dichtung bekannt, die anstelle einer ausgefeilten Lehrdogmatik buddhistische Einsichten und Erfahrungen in der Sprache der Poesie vermittelt. Im Laufe vieler Jahrhunderte hat diese Lyrik prägenden Einfluss auf die chinesische Dichtkunst genommen und ihre Spuren auch in der Malerei und Kalligraphie hinterlassen. Die Poesie des Chan steht in der Tradition der wortlosen Übertragung der Lehre. Als Buddha Shakyamuni vor einer großen Schar von Anhängern einst gebeten wurde, den Weg zur Erleuchtung darzulegen, verharrte er im Schweigen und wies nur wortlos auf eine Blume. Die Anwesenden verstanden nicht und sahen einander fragend an. Nur einer von ihnen, Kashyapa, ein enger Schüler des Buddha, verstand plötzlich alles und erwachte in eben diesem Augenblick. Dieses Ereignis steht am Anfang der Überlieferungslinie des plötzlichen Erwachens, einer Erfahrung, die in den Chan-Versen ein stets wiederkehrendes Thema ist. Ein von mir sehr geschätzer, jedoch kaum bekannter Chan-Dichter ist Tang Yin, der auch unter dem Namen Tang Bohu bekannt ist. Er wurde 1470 geboren und verstarb 1523 (nach anderen Quellen im Jahre 1524). Tang Yin war einer der bekanntesten Maler der Ming-Dynastie, dessen Bilder heute in den großen Museen der Welt zu finden sind. Dass er zugleich ein inspirierter Chan-Dichter war, ist auch in China nur Wenigen bekannt. Tang Yin stammte aus Wuxian, der heutigen Stadt Suzhou in der Provinz Jiangsu, wo er als Sohn eines Händlers geboren wurde. Er war verheiratet und betrachtete sich die meiste Zeit seines Lebens als buddhistischer Laie. Bisweilen nannte er sich auch Laie Liu Ru. In seinen späten Jahren soll er sich jedoch vom Buddhismus gelöst und auch harsche Kritik geübt haben, heißt es in einem Text über ihn. Neben Qiu Ming und anderen wird Tang Yin der Gruppe der «vier Meistermaler aus Suzhou» zugerechnet. Die Kunst der Pinselführung hat er hauptsächlich bei Zhou Chen erlernt, einem seinerzeit bekannten Maler im Stil der südlichen Song-Dynastie. Tang Yin wuchs jedoch bald über seinen Lehrmeister hinaus und erweiterte vor allem den traditionellen Themenkreis der Malerei: Die vorherrschende Landschaftsmalerei seiner Zeit erweiterte er um Blumen und Vögel, menschliche Figuren und insbesondere Frauen. Vor allem aufgrund seiner Vorliebe für das letztere Motiv sind über ihn bis heute viele Liebesgeschichten überliefert, von denen die meisten jedoch als erfunden gelten, zum Beispiel die Anekdote einer «Werbung um das Dienstmädchen Qiu Xiang». In den Annalen ist verzeichnet, dass er klug und intelligent war und in seiner Jugend großes Interesse am Erlangen amtlicher Würden zeigte. Im Zuge der kaiserlichen Staatsprüfungen in Nanjing wurde er allerdings in eine betrügerische Manipulation einer seiner Freunde bei einem Examen verwickelt, was auch ihn in Mitleidenschaft zog und seiner Ehre beraubte. Die Beamtenlaufbahn war ihm fortan verwehrt; er reiste durch die Lande und verdingte sich als Maler, Essayist und Verfasser kalligraphischer Werke. Später brachte er es mit seiner Malerei zu gewissem Ruhm und Einkommen. Die Ming-Dynastie, in der er lebte, gilt bis heute oft als eine Periode der Stagnation, des Niedergangs und Verfalls nach dem Untergang der blühenden Tang- und Song-Kulturen und der auf sie folgenden Mongolenherrschaft über das chinesische Reich. Tatsächlich war die Ming-Zeit jedoch reich an neuen kulturellen Entwicklungen. Das Theater und die Erzählkunst nahmen einen Aufschwung. Bedeutende Werke wie das buddhistisch inspirierte Romanwerk «Die Reise nach Wesen» (Xiyouji) entstanden in dieser Epoche. Zugleich wurden die Grundlagen der wissenschaftlichen Lebensform der Moderne gelegt. Ein erstes Wörterbuch mit der Klassifizierung der chinesischen Schriftzeichen anhand ihrer Grundelemente (Radikale) standardisierte und vereinfachte den Zeichengebrauch. Auf natur- und ingenieurwissenschaftlichen Gebieten erschienen umfassende Werke über die gesamten Techniken der Landwirtschaft, der Weberei und Keramikherstellung, sowie der Eisen- und Stahlerzeugung und des Transportwesens, darüberhinaus auch wissenschaftliche Abhandlungen zur Botanik und Arzneimittelkunde. Im gleichen Zeitraum entwickelte sich jedoch auch eine geistige Strömung – vor allem unter den gebildeten Schichten, der auch Tang Yin angehörte – die nach einer von weltlichen Zwecken gelösten Weisheit trachtete. Ihr Bestreben war es, absolute Spontaneität und Übereinstimmung mit der wahren Natur des Geistes zu erlangen. Viele Vertreter dieser Richtung verzichteten auf eine Beamtenlaufbahn und suchten in ihrem eigenen Inneren nach dem Guten, der Buddha-Natur oder der Weisheit des Tao. Tang Yins Verse legen von dieser Suche in der Tradition der buddhistischen Chan-Lehre Zeugnis ab. Schlichtheit und innerer Friede vermittelt er darin als Richtschnur seines Lebens, auch dann, wenn die Bedingungen widrig sind und das Leben hart ist, so in den folgenden drei Versen, von denen der zweite auch die Karma-Lehre illustriert:
Vers
Fern liegt das Dorf im Regen ein Hahn kräht in den Wind Am Morgen kein Holz zum Feuer machen ich schäme mich vor meiner Frau Statt Verse zu schreiben sollte ich lieber Bambusblätter verkaufen Doch auf dem Markt ist der junge Bambus so billig heut’ wie schlichte Erde
Ein Seufzer über die Welt
Strebe nicht nach den Dingen die Ordnung des Himmels regelt sie alle Wozu sich mühen und plagen für Nutzloses? Drei Mahlzeiten am Tag und wir können zufrieden sein Eine Dschunke kommt voran wenn sie mit dem Wind segelt Greifst du nach den Dingen so erzeugen sie sich ohne Ende Schadest du anderen dein eigener Schaden eine Frage der Zeit Unrecht, das dir heute widerfährt begleicht nur, was du einst tatest So gehe ein jeder in sich und erkenne was er tat und was geschah
Traurigkeit und Melancholie sind stets wiederkehrende Motive seiner Lyrik. Doch die meisten seiner Gedichte sind nicht nur «Seufzer über die Welt»; es geht ihm um einen nüchternen, sachlichen Blick auf die Dinge des Lebens. Sein Realismus ist analytisch und fragt nach den Entstehungsbedingungen von Kummer und Leid. In den beiden folgenden Versen beschreibt Tang Yin Gier und Grenzenlosigkeit als die Ursachen der menschlichen Misere. Im Vers «Achtsam Leben» preist er die Arznei des buddhistischen Pfades.
Ein Lied über die Welt
Seit jeher ist es selten dass Menschen die Siebzig erreichen Zwischen der Jugend und dem Alter da bleibt oft nicht allzu viel So kurz die Zeit der mittleren Jahre durchzogen von Licht und Schatten Überall Fadheit – alles ist überzogen vom Rauhreif des Kummers In der Blütezeit des Lebens ein paar Lieder gesungen im Licht des Mondes Hastig gefüllt der goldene Trinkbecher schon kippt er um Egal wie viel die Weltmenschen besitzen stets ist grenzenlos ihr Streben So viele Beamte am Hof doch sie ordnen die Dinge nicht Hohe Mandarine mit reichem Salär aufgewühlt sind ihre Herzen Kommen sie nach Hause so zählen sie ihre grauen Haare Im Frühjahr kreisen die Gedanken des Beamten um Herbst und Winter Wenn die Glocke den Abend verkündet krähen schon die Hähne Sieh einmal genau hin auf die Menschen um dich herum Wie viele fanden in diesem Jahr ihre Ruhestätte unter wilden Gräsern? Wie viele kleine und große Grabplätze gibt es noch dort in den Weiten des Graslandes? Jahr um Jahr kommen weniger zu den alten Gräbern um der Toten zu gedenken
Achtsam leben
Strebe nicht nach einem bleibenden Namen über die Zeit deines Körpers hinaus Richte deinen Blick in die eigene Tiefe und siehe von dort aus die Welt Die Arithmetik des Menschen ist nicht die Arithmetik des Himmels Das begehrende Feuer des Leibes liegt im Wettstreit mit dem inneren Frieden in dir Zweifle am Abend über das Tun des vergangenen Tages So führt dich die Nacht zur Wiedergeburt an einem neuen Morgen Sprichst du mit einem Wissenden so lerne von seiner Erfahrung Sprichst du mit einem Unwissenden so teile deine Klarheit mit ihm Die Welt ist voll vom Streben nach Vorteil und Ruhm Doch besser ist es als Pfadgänger im Mönchsgewand zu leben Das Huhn im Käfig hat reichlich zu fressen aber bald schon landet es im Topf Der Himmel und die Erde sind weit doch der Reiher hungert über dem Meer Über hundert Jahre alt wird auch ein Reicher nur selten Unaufhörlich dreht sich das Rad von Tod und Wiedergeburt So rate ich dir erstrebe das Erwachen noch in diesem Leben Ein verlorenes Leben gewinnst du durch Raub nicht zurück Der Wohltätige ist beständig so meistert er Schwierigkeiten Wer friedlich und achtsam lebt der meidet den Schmerz Führt den Kampf zur Überwindung des Bösen so kommt ihr voran auf dem Pfad Der erhabene Geschmack der Pfadverwirklichung ist jenseits aller Worte Wer bloß Gaumenfreuden erstrebt nur krank wird er davon am Ende Wer stets schnell und hastig lebt nichts wird er je richtig tun Wenn Krankheit dich zeichnet so nimm Arznei Doch besser ist es zu vermeiden Krankheit und Kummer
In den folgenden Versen gibt Tang Yin einige Hinweise hinsichtlich seines eigenen Weges zum Chan. Die Anspielung auf «roten Zinnober» lässt ahnen, dass er sich einst mit taoistischen Wunderarzneien zur Erlangung ewigen Lebens befasste, bevor er die Vergänglichkeit aller Dinge im Sinne der buddhistischen Lehre zu akzeptieren lernte, wozu das Studium des Diamantsutra (letzter Vers) sicherlich mit beigetragen hat.
Vers
Ich saß gegenüber den gelben Blumen und leerte meinen Becher In der Zeit der Klarheit erinnerte ich die Verrücktheit des Rausches Roter Zinnober ist eine Jahrtausende alte Medizin Weiß wie Reif wurden meine Zöpfe der helle Tag verbirgt es nicht Möge auf meinem Grabstein einst stehen: Ein Lernender Vor den Augen der Zuschauer in den Gassen die Marionette stets in Bewegung Die Welt ist ein Traum wir jagen den flüchtigen Dingen nach Kein bleibender Ort und am Ende verliert sich unsere Spur
Worte über Trübsal
In den Jahren meiner Jugend war ich voller Trübsal das ist nicht ungewöhnlich Strähnen von Traurigkeit umfingen mich und ich konnte mich nicht lösen Wo ist der Frühling des Lebens den die Melancholie verschont? Treffe ich heute auf dieses Gefühl so spüre ich kein Mitleid mit mir Wo sich die Azaleenbüsche winden liegen Birnenblüten weiß wie Schnee Zwischen den Grabhügeln von Ba träumen die Duftgräser im Nebel Auf dem Weg wischen meine Ärmel goldene Tränen von den Augen Drei Leben verbrachte ich mit Koans dann fuhr mir der Chan in die Knochen Nachdem mich das Alte nicht mehr schreckte war mein Denken frei von Reue Gekleidet in eine Robe trage ich ein Licht vor dem Tor des Tempels umher
Erwachen beim Lesen des Diamantsutras
Das Leben ist gleich einem Traum gleich einem Trugbild gleich einer Luftblase auf dem Wasser gleich einem flüchtigen Schatten gleich einem zerspringenden Ton gleich einem leuchtenden Blitz am Himmel Wer dies wahrhaft erkennt der ist erwacht Vollständig gelöst vom Leid der Welt
Literaturhinweise
Die Verse Tang Yins wurden aus den folgenden chinesischen Sammlungen ins Deutsche übertragen:
- Chanshi Sanbai Shou (300 Chan-Gedichte), redigiert und kommentiert von Zhu Zhengqiu, Lijiang Chubanshe. Guilin 1999.
- Chanshi Baishou (100 Chan-Verse), redigiert und kommentiert von Hong Pimo, Zhongguo Youyi Chuban Gongsi, Beijing 1993.
Informationen zu seinem Leben finden sich u.a. in den o.g. Kommentaren zu seinen Gedichten sowie im Internet unter: http://de.chinabroadcast.cn/chinaabc/chapter20 (deutsch) und unter: http://www.lingshidao.com/gushi/hanshan.htm (chinesisch).
Zur geistigen Entwicklung der Ming-Dynastie siehe u.a.: Jacques Gernet: Die chinesische Welt (Suhrkamp). Frankfurt/Main 1997, S.371ff.
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