Buddhistische Gesellschaft Hamburg e.V.

Wer trennt sich?

Wer trennt sich?

Marie Mannschatz



„Seit der Trennung von meinem Mann wurde jeder notwendige Verkehr von meinem Rechtsanwalt erledigt.“ Lisa A. in einem Brief an ihren Versicherungsagenten


Falls Sie zu der seltenen Spezies gehören, die meine Kolumne in diesem gewichtigen Magazin regelmäßig liest, wissen Sie auch, dass ich mich schon mit beinahe allem befasst habe, was das Herz bewegt. Ich habe über die Männer geschrieben. Ich habe über die Liebe nachgedacht. Ich habe den weiten, offenen Geist auf bodenlosem Grund beschworen, und nun soll ich auch noch zum Thema Trennung etwas sagen – „oder zum Thema Scheidung“, meinte die Redakteurin großzügig, als würde das einen Unterschied machen, denn ich bin überzeugt, dass Trennung und Scheidung Themen sind, die wir doch lieber vermeiden. Mir liegt die Frage nach optimaler Trennung jedenfalls wie ein unverdaulicher Avocadokern im Magen. In diesem Zustand von innerer Not habe ich meinen Freund Google gefragt, was er über „die meisten Scheidungen“ weiß, und er hat sofort gerattert: „die meisten Scheidungen in Hamburg finden tatsächlich im verflixten siebten Ehejahr statt“ und „die meisten Scheidungen werden von Frauen eingereicht“ und dann auch noch „die meisten Scheidungen sind überflüssig“. Wusste ich es doch. So weit ich mich erinnern kann, gibt es nämlich aus der Sicht des Buddhismus keine voneinander getrennt existierenden Einheiten. Kein Ich hier und Du da. Niemand der heiraten und sich wieder scheiden lassen kann. Alle Wesen sind eine schwirrende Zahl von Partikelchen im freien, offenen Raum, die sich auf unübersehbare Weise pausenlos miteinander vermengen. Von Trennung habe ich da noch nie etwas gehört. Selbstlos ist alles, hat Buddha gesagt, und er meint damit nicht Bescheidenheit, sondern: nichts hat eine voneinander unabhängige Existenz. Wenn Sie nicht in diesem Moment diese Worte lesen würden, könnte ich sie jetzt auch nicht schreiben. Sie zaubern mir sozusagen die Buchstaben aus den Tasten hervor. Was ich ganz gut finde, denn das Thema Trennung oder Scheidung kann ich in meinem buddhistischen Zettelarchiv nicht auftreiben. Auch wenn die meisten tibetischen Lamas, die ich kenne, seit Jahrzehnten verheiratet sind und eine erquickliche Anzahl von Kindern in die Welt gesetzt haben, sprechen sie doch niemals darüber, wie man das macht. Alles, was mit den dramatischen Ereignissen zwischen den Geschlechtern zu tun hat – und welche Trennung ist kein Drama? – wird von buddhistischen Weisen verschwiegen. Oder hat Ihnen einmal ein Guru von Ehekrieg und Alimenten berichtet? Kann  er auch nicht, weil er seine Frau nie los wird, denn die Trennung ist – so sehr er sie auch herbei sehnt – eine Fiktion, ebenso erdacht wie das eigene Ich. Sie meinen, ich sollte die absolute und die relative Wirklichkeit nicht so wahllos durcheinander würfeln und die Gurus aus dem Spiel lassen und lieber sagen, was ich aus meinen eigenen Trennungen gelernt habe? Das lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Trotz mehrfacher Weltumrundungen und damit verbundenen unzähligen Trennungen (jede Abreise ist eine
Trennung), bleibt mir dieses Lebensthema rätselhaft. Ich gehe hyperbewusst in jede Trennung hinein und komme hyperbewusst darin unter die Räder und kann mich an nichts erinnern, das ich jemals gelernt habe, weil jedes Ende so anders ist und schmerzhaft bis auf die Knochen.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „Ursache und Wirkung“)

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