Buddhistische Gesellschaft Hamburg e.V.

Vietnam

„Vietnam nimmt in jedem von uns seinen Anfang“
- Claude AnShin Thomas kommt in die BGH

Es regnet – Claude AnShin Thomas denkt an den Krieg. Er nimmt im Supermarkt eine Konservendose aus dem Regal – und denkt an den Krieg: Könnte es sich vielleicht doch um eine getarnte Sprengstoffladung handeln? Richtig schlafen kann er nicht mehr; denn traumatisiert durch grauenhafte Erlebnisse im Vietnamkrieg, noch immer auf ständiger Lauer vor dem Feind liegend, kann er sich der Nacht, dem Schlaf, nicht mehr vertrauensvoll hingeben. Wie vielen Menschen, die im Krieg waren, ist es ihm nicht möglich, Nähe herzustellen, was auch die Nachkommen der im Zweiten Weltkrieg Beteiligten aus eigener Anschauung bestätigen können. Und noch weiter gehend: Seine Geschichte ist jene Hunderter Generationen von Menschen, die zu allen Zeiten und aus allen Kriegen traumatisiert und mit einem Orden als Trostpflaster heimkehren.
In seinem Buch Krieg beenden, Frieden leben. Ein Soldat überwindet Hass und Gewalt (Theseus: Berlin 2003) beschreibt der Vietnamveteran und buddhistische Bettelmönch Claude AnShin Thomas seine Lebensgeschichte. Sein persönliches Erleben steht dabei beispielhaft für uns alle, für unser Verhalten im Alltag.
Claude AnShin Thomas, geboren 1947 in Pennsylvania/USA, meldet sich mit 17 Jahren zur Armee, weil sein Vater es so will, und geht ein Jahr später als Freiwilliger nach Vietnam. Gewalt erfährt er bereits in seiner Kindheit: „Meine Mutter hat oft Gewalt angewendet. Einmal hat sie mir die Hand in den Nacken gelegt, mich herumgerissen und mein Gesicht an die Wand gedrückt – ohne ersichtlichen Grund. Anschließend hat sie mir gesagt, wenn ich ein besserer Mensch wäre, müsste sie mich nicht so behandeln“ (S. 14). Auch sein alkoholkranker Vater, in Sorge um den Sohn, der zu spät nach Hause kommt, kann seine Angst nur durch Gewalt ausdrücken: „Er zerrte mich ins Badezimmer, zog mir die Hosen herunter, nahm seinen Gürtel ab und schlug mich damit, bis ich grün und blau war und vom Nacken bis zu den Fersen blutete. Plötzlich merkte mein Vater, dass er mich ernsthaft verletzte, und hielt inne. Er begann, Heilsalbe auf meine Wunden aufzutragen und erzählte mir, dass er mich geschlagen habe, weil er mich liebe“ (S. 15). Diese Erfahrungen lassen Claude AnShin Thomas auf eine enge Verknüpfung zwischen Liebe und Gewalt schließen und bringen ihn auf die „schiefe Bahn“: Schon früh trinkt er, knackt Autos, nur um zum Spaß mit ihnen herumzubrausen, verübt kleine Delikte. Als sein Vater ihm vorschlägt, zur Armee zu gehen, fügt er sich diesem Wunsch ohne zu zögern. In der menschenunwürdigen Grundausbildung wird ihm vor allem eines gelehrt: Zu hassen! Er ist aufmüpfig, verweigert sich, säuft und gerät so immer tiefer in die Spirale der Gewalt. Um dieser zu entgehen, meldet er sich mit 17 freiwillig zum Einsatz im Vietnamkrieg. Gleich am ersten Tag wird er bei einem Hubschraubereinsatz in Kampfhandlungen verwickelt und sieht Menschen sterben. Von da an schützt er sich, indem er den Krieg als Spiel betrachtet: „Ich spielte Cowboy und Indianer, ich spielte Krieg. Ich spielte ziemlich gut“ (S. 24). So gut, dass er den bestmöglichen Einsatz zeigt und als Mannschaftsführer seiner Hubschraubereinheit für den Tod von Hunderten von Menschen verantwortlich wird.
Stolz, und im Bewusstsein, seinem Land gedient zu haben, kehrt er nach einer Verwundung heim. Allein: Niemand bewundert ihn, ganz im Gegenteil: Überall stößt er auf Ablehnung und Hass. Er gilt als Killer, eine Frau spuckt ihm ins Gesicht. Als er in Panik vor einem Knallfrosch davon läuft, wird er ausgelacht. Er ist eine Zeitlang obdachlos, flüchtet sich in Sex, Drogen und Alkohol, doch nach außen hin gibt er sich stark: Er wird ein anerkannter Karatelehrer mit vielen Zentren und Hunderten von Schülern, bis er erkennt, dass er mit seinem Handeln und Lehren die Saat der Gewalt wässert. In den 1980er Jahren hält er endlich inne, macht – erfolgreich – einen Drogen- und Alkoholentzug, verzichtet außerdem auf schnellen Sex, Zucker und Fleisch und gibt seine Tätigkeit als Karatelehrer auf. Nun ist keine Flucht und Verleugnung mehr möglich.
1991 lernt er anlässlich eines Treffens von Vietnamveteranen den vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh kennen. Voller Angst, in Lederkluft und mit dunkler Sonnenbrille rauscht Claude AnShin Thomas auf seiner Harley herbei und trifft auf dem sechstägigen Retreat erstmals seit seiner Rückkehr aus dem Vietnamkrieg auf Vietnamesen: „An jenem ersten Abend sprach der Mönch, der das Retreat leitete, zu uns. In dem Augenblick, als er zur Tür hereinkam und ich ihm ins Gesicht sah, begann ich zu weinen. Ich begriff zum ersten Mal, dass ich Vietnamesen einzig als meine Feinde kannte, und dieser Mann hier war nicht mein Feind“ (S. 41). Alle jahrelang unterdrückten Gefühle kommen an die Oberfläche, auch die schrecklichsten Erinnerungen sind plötzlich wieder da. Claude AnShin Thomas will sich bei den anwesenden Vietnamesen für seine Vergangenheit entschuldigen, doch er kann nicht. So beschließt er, nach Vietnam zurückzukehren, um dort, als Wiedergutmachung, beim Aufbau des Landes zu helfen. Man rät ihm ab; er solle erst einmal nach Plum Village, dem Zentrum Thich Nhat Hanhs in Frankreich, gehen. Dort bleibt er – abgesehen von kurzen Unterbrechungen – drei Jahre lang. Thich Nhat Hanh will ihn schon in dieser Zeit zum Mönch ordinieren, doch er lehnt, trotz der Feststellung des vietnamesischen Meisters, er sei mehr Mönch als ein Mönch, ab. Denn angesichts der vielen Vietnamesen im Zentrum erinnert ihn alles an den Krieg, mögen sie ihm auch noch so liebvoll begegnen. Hier lernt er, dass wir unsere Angst annehmen und umarmen müssen, um mit ihr leben zu können, dass der Krieg in uns ist und deshalb nur in uns überwindbar ist: „Ich kann zu dem Krieg in mir selbst erwachen und kann diese inneren Kämpfe beenden. Ich kann den Krieg in mir heilen. Das geschieht, wenn ich zu der Natur meines Leidens erwache, den Ursachen und Bedingungen meines Lebens, und die Dinge anders handhabe“ (S. 74). Kampf und Krieg sieht er als kollektiven Ausdruck individuellen Leidens.
Claude AnShin Thomas hält zunächst Vorträge über seine Vietnamerfahrungen, leitet dann Retreats zu Achtsamkeit und Meditation und begibt sich in Krisengebiete, um mit den Soldaten zu reden. So kommt er auch nach Mostar, wo er erfährt, dass alle mit ihre eigenen Vorstellungen von Frieden haben und diese der Situation aufdrücken wollen: „Das ist keine Friedensarbeit“, so Claude AnShin Thomas, „das ist eine Form des Imperialismus“ (S. 80). Vergleiche mit der US-amerikanischen Vorgehensweise gegen Afghanistan, Irak und – aktuell - den Iran und deren Folgen liegen hier auf der Hand.
Claude AnShin Thomas befindet sich nun auf dem Pfad der Heilung – Heilung für sich und andere, er erkennt, dass der Krieg ein Auswuchs unserer selbst ist und wir alle Gewalt- und Tötungspotentiale in uns tragen. Ihm wird klar, den Großteil des Lebens in einem Zustand der Nicht-Achtsamkeit verbracht zu haben. Die Achtsamkeit wird von nun an sein Leitgedanke sein. Er kommt zu der Einsicht, dass sich alle unsere Taten auf das gesamte Universum auswirken.
Nach seiner Rückkehr aus Plum Village begegnet Claude AnShin Thomas dem Soto-Zenmeister Bernard Tetsugen Glassman Roshi. Schnell will ihn auch dieser ordinieren, nun ist er bereit: 1994 erhält er von Glassman in Auschwitz, anlässlich einer Pilgerreise, die Laienordination und wird von ihm in den USA im August 1995 zum Mönch ordiniert: „Ich beschloss, Mönch zu werden, um das Leben zu feiern, nicht um mich vor dem Leben zu verstecken. Ich beschloss, nicht in einem Kloster zu leben, sondern der alten Tradition der wandernden Zen-Bettelmönche Asiens zu folgen und bewusst und sichtbar in der Welt zu leben“ (S. 77). Immer mehr lautet seine Erkenntnis und seine Botschaft: Ich kann nur den Krieg beenden, der in mir ist! Es gibt keine klare Trennung von Opfer und Täter, wir tragen beides in uns. Dies erkennt Claude AnShin Thomas in Auschwitz. Und: Ob du Sieger oder Verlierer bist – deine Narben sind dieselben.
Von Auschwitz aus begibt sich Claude AnShin Thomas auf seine erste Pilgerreise: Acht Monate ist er, für den Frieden und das Leben sowie und zum Zwecke umfassender Selbsterkenntnis durch 21 Länder unterwegs. Ziel seiner Wanderung ist Hiroshima. Dort angekommen, spürt er sowohl Zorn als auch Schuldgefühle, erkennt aber, wie wichtig es ist, diese Gefühle zuzulassen. Immer noch ist er auf Pilgerreise, kommt an jeden Ort, an den er gerufen wird, wie jetzt nach Hamburg. Und: Jeder, der möchte, kann ihn begleiten.
Claude AnShin Thomas ist Gründer der „Zaltho Foundation“, die Gewaltlosigkeit und Frieden fördernde Aktivitäten initiiert und unterstützt. Kontakt und weitere Informationen bei: Zaltho Sangha e.V., Buchenweg 14, 65207 Wiesbaden. Email: info@zaltho.de, Website: www.zaltho.de.
Nach einer Veranstaltung mit dem „Bundesverband mittelständischer Wirtschaft Unternehmerverband Deutschland e.V.“ am 28. Juni in der Kirche St. Katherinen, Hamburg, wird Claude AnShin Thomas vom 30.6.-2.7. in der BGH zu Gast sein. Bitte beachten Sie, dass der Vortrag am 30.6. in der Laeiszhalle stattfindet, das anschließende Seminar dagegen in der BGH.

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