Buddhistische Gesellschaft Hamburg e.V.

Späte Mutterfreuden

Unser Schirmherr, Bhante Seelawansa, wurde in diesem Sommer auf Sri Lanka für sein nunmehr 25-jähriges Bemühen um den Buddhismus im Westen mit höchsten Ehren bedacht. Auch in Wien, seiner langjährigen Heimatstadt (wir berichteten), wird er im Oktober für seine verdienstvollen Tätigkeiten geehrt. Zu diesem Anlass hat unser Mitglied Gisela Valero, die dem Bhante seit vielen Jahren verbunden ist, folgende Zeilen verfasst.
 

Späte Mutterfreuden

Gisela Valero



Andere Frauen bekommen ihre Kinder in jungen Jahren!

Da ich jedoch in meinem bisherigen Leben immer anders gegangen bin als Andere, habe ich erst jetzt im Alter von mehr als 8o Jahren endlich einen Sohn bekommen, wofür ich sehr dankbar bin, gibt er meinem Leben doch einen besonderen Sinn.

Wie ist es zu meinem Kontakt zum Bhante Seelawansa gekommen? Seit mehr als 10 Jahren darf ich in der BGH für sein leibliches Wohl sowie das anderer Mönche und Lehrer während ihrer Seminare in Hamburg sorgen. Irgendwann lud mich der Bhante ein, ihn in seinem Zentrum in Wien zu besuchen. Dort versorgt er mich seither auch mit geistiger Nahrung. Schon viele Male hatte ich das Vergnügen, bei ihm zu Gast zu sein, mehr und mehr fühle ich mich auch dort wie zu Hause.

Was mich besonders am Bhante beeindruckt, ist seine Offenheit, mit der er anderen Menschen, auch aus anderen Religionen und Weltanschauungen, gegenübertritt. Wie ich mehr als einmal beobachten konnte, macht er keine Unterschiede zwischen „wichtigen“ und „normalen“ Menschen – er begegnet allen mit der gleichen Herzlichkeit und Liebe.

Ins buddhistische Gedankengut gehört bekanntlich die Wiedergeburt. Ich persönlich bin davon überzeugt, in vielen vorherigen Leben u. a. im heutigen Spanien gelebt zu haben. Dort sind meine Wurzeln. Dagegen fühlt sich der Bhante Seelawansa im gegenwärtigen Dasein in Österreich „beheimatet“. Er spricht davon, vor nicht allzu langer Zeit, d. h. ungefähr vor 100 Jahren, in Wien gelebt zu haben. Wir sprachen bereits einige Male davon, zu irgendeiner Zeit Mutter und Sohn gewesen zu sein. Woher sonst kommt dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, des Einander-Verstehens ohne viel Worte? Egal, wo und wann auch immer diese „Verwandtschaft“ bestanden haben mag, die Nabelschnur scheint von damals her noch nicht abgerissen zu sein, wie dies bei einer Gelegenheit von einer langjährigen Teilnehmerin der Seminare von Bhante in der BGH zum Ausdruck gebracht wurde.

Für mich ist der Bhante im jetzigen Dasein nicht nur mein geistiger Lehrer; ich würde ihn gern als meinen Sohn betrachten und wäre sehr glücklich, wenn er sich bei mir in Hamburg, Hinterm Stern 31 (nicht hinterm Mond), ein wenig zu Hause fühlte.

Als einziges Kind meiner Eltern bin ich mit mehreren Vettern und Cousinen groß geworden. Bei unseren Mutter-und-Kind-Spielen war ich immer die Mutter, während ein etwas älterer Vetter manchmal den Vater darstellen durfte. So war es für mich auch ganz selbstverständlich, dass, wenn ich einmal groß bin, ich viele Kinder haben würde. Daraus ist nichts geworden. Auch aus meiner Ehe sind keine Kinder hervorgegangen. Kinder spielten aber weiterhin in meinen Träumen eine große Rolle. Zu irgendeiner Zeit waren es dann „Ersatzkinder“, die mit ihren Müttern Verständigungsschwierigkeiten hatten und die ich deshalb auf den Weg ins Erwachsensein begleitet habe. Inzwischen sind sie alle groß geworden und gehen ihre eigenen Wege. Für mich ist es eine Freude zu sehen, dass aus ihnen etwas geworden ist.

Beim Bhante ist das ganz anders. Der war schon ausgewachsen, als wir einander begegneten und die Feststellung trafen, dass wir wohl in einem früheren Dasein Mutter und Sohn gewesen sein könnten. Seinetwegen brauchte ich mir keinen Kummer mehr zu machen, er war bereits seinen Weg gegangen. Aber Mütter haben sich wohl zu allen Zeiten besonders um ihre Söhne Sorgen gemacht, auch wenn diese völlig überflüssig waren. Sie müssten das Loslassen üben.

Geduld war nie meine Stärke. Bei mir musste immer alles schnellstens umgesetzt werden, möglichst schon fertig sein, bevor der Gedanke an das Vorhaben zu Ende gedacht war. Das klappte natürlich selten. Aber das Leben ist ein Lernprozess, und Zeit genug hatte ich, mich in Geduld zu üben, so schwer mir dies auch fiel und manchmal immer noch fällt. Aktivität ist mein Lebenselixier, ich kann nicht untätig vor mich hin leben, sondern brauche die Bewegung. Allerdings musste ich lernen, meine Grenzen zu sehen und anzuerkennen.

So wird es mir jetzt nicht möglich sein, der Einladung des Bhante Seelawansa zu folgen, an den Feierlichkeiten der höchsten Mönchsgemeinde auf Sri Lanka teilzunehmen, die für den Bhante zu Ehren seiner 25-jährigen buddhistischen Lehrtätigkeit im Westen stattfinden werden. Das würde absolut meine Kräfte übersteigen (lange Flugzeit, das volle Programm, die Hitze…). Gern bin ich jedoch bereit, und ich freue mich darauf, im Oktober nach Wien zu fahren, um die dort von der Stadt Wien für den Bhante organisierte Feier mitzuerleben. Es wird mir eine große Ehre sein, meinen Sohn aus einem vorherigen Leben, den ich jetzt wiederfand, an seinem großen Tag begleiten zu dürfen.

Mein größter Wunschtraum hat sich in meinem Leben doch noch erfüllt: Späte Mutterfreuden wurden mir beschert. Meinem Karma sei Dank!

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