|
Sieben Anregungen zum Aufwachen
Radiovortrag auf NDR Info am 23.7.2006 von Marie Mannschatz
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich grüße Sie im Namen der Buddhistischen Gesellschaft Hamburg. Ob Sie wohl Sonnenstrahlen sehen, während Sie mir zuhören? Die meisten Menschen lieben das Licht der Sonne. Wir sehnen uns nach ihrer Wärme und ihrem Leuchten. Licht ist für uns Herzensnahrung. Die besondere Bedeutung des Lichtes kommt auch in manchen Sprachwendungen zum Ausdruck. Wir sagen: ihm geht ein Licht auf, sie ist hellsichtig oder: das leuchtet mir ein. Im Buddhismus sprechen wir von Erleuchtung als Ziel all unserer inneren Übungen, aber auch in anderen Religionen spielt das Licht der Erkenntnis eine zentrale Rolle. Die buddhistische Lehre geht davon aus, dass wir unsere Umwelt so erleben, wie wir in sie hinein schauen. Erfüllt mit hellen, freudigen Gedanken erfahren wir das Leben als beglückend. Sind wir innerlich düster und schwermütig, sehen wir auch im Leben hauptsächlich Schwierigkeiten. Da unser Einfluss auf die äußeren Lebensumstände recht begrenzt ist, empfiehlt der Buddha, dass wir uns unseren inneren Erfahrungen zuwenden. Wenn es uns nämlich gelingt, unsere persönlichen Ansichten schrittweise zu verändern, können wir unsere Lebenserfahrung umwandeln. Im Kern eines jeden von uns schlummert die Fähigkeit, uns von Verwicklungen und Leid zu befreien und ein freies, glückliches Leben zu führen. Buddhas Lehre möchte uns dafür das Handwerkszeug vermitteln. Heute Morgen will ich Ihnen sieben Anregungen zum Erwachen vorstellen, die der Buddha lehrt. In der buddhistischen Fachsprache heißen diese sieben Anregungen „Die sieben Faktoren der Erleuchtung“ – damit sind die folgenden Eigenschaften gemeint: Achtsamkeit, Forschungsinteresse, Energieeinsatz, Freude, körperliches Entspannen, innere Sammlung und Gelassenheit. Achtsamkeit gilt als unverzichtbare Grundlage für jeden inneren Wachstumsprozess. Den drei Faktoren Forschungsinteresse, Energieeinsatz und Freude schreibt man anregende Wirkung zu. Körperliches Entspannen, innere Sammlung und Gelassenheit üben eher beruhigende Wirkung auf den Geist aus. Wenn wir das Beste aus unserem Leben machen möchten, wenden wir uns diesen Fähigkeiten bewusst zu und bilden sie zunehmend in uns aus. Schauen wir uns deshalb diese erstrebenswerten Eigenschaften genauer an: Die zentrale Fähigkeit zum Erwachen ist Achtsamkeit. Das ist eine ganz wunderbare Eigenschaft, die jedem von uns zur Verfügung steht. Achtsamkeit ist das A und O für bewusste Veränderung. Stellen Sie sich Achtsamkeit wie einen Scheinwerfer vor, den Sie in Ihrem Geist ausrichten können. Wenn Sie meine Stimme in diesem Moment aufmerksam hören und auch wissen, dass Sie zuhören, dann sind Sie achtsam. Achtsamkeit ist das bewusste Wahrnehmen von Sinneseindrücken im gegenwärtigen Moment. Das Licht der Achtsamkeit hat eine stark verwandelnde Kraft. In Ihrem Leben wird das wachsen und gedeihen, was von dem Licht der Achtsamkeit bestrahlt wird. Und das, was nicht Ihre Aufmerksamkeit bekommt, wird verkümmern. Um alte Gewohnheiten aufzulösen, brauchen wir Achtsamkeit. Es kostet viel Kraft, gewohntes Verhalten zu ändern. Wer versucht hat, das Rauchen aufzugeben und wieder rückfällig geworden ist, kann ein Lied davon singen. Wer sich vornimmt, sich gesünder zu ernähren, mehr Sport zu treiben oder nicht jeden Abend vor dem Fernseher zu sitzen, weiß, von welchen Anstrengungen ich rede. Je aufmerksamer wir unsere eingeschliffenen Verhaltensmuster im Alltag ergründen, umso deutlicher erkennen wir die Hindernisse, an denen wir hängen bleiben. Achtsamkeit ist die entscheidende Hilfe dabei, denn nur wenn wir genau hinschauen, sehen wir auch den Stolperstein und fallen nicht darüber. Mit der Zeit wächst aus kontinuierlicher Achtsamkeit innere Sammlung und ein tiefes Lebensverständnis. Es erweist sich jedoch als schwierig, immer wieder daran zu denken: Sei achtsam, nimm wahr, was in diesem Augenblick zu spüren ist. Viel zu leicht vergessen wir, dass wir achtsam sein wollen und gehen in unseren Gedanken und Vorstellungswelten verloren. Deshalb empfehle ich Ihnen, eine Art inneren Wecker zu installieren, der Sie immer wieder daran erinnert, achtsam zu sein. Die rote Ampel, das Läuten des Telefons, das Piepen Ihrer Uhr zur vollen Stunde, könnte ein Wecksignal sein, das Ihnen sagt: Wach auf, komm jetzt im gegenwärtigen Moment an und nimm genau wahr, was geschieht. So viel, in aller Kürze, zum Thema Achtsamkeit. Kommen wir nun zu den anderen Geisteseigenschaften, die zum Erwachen nötig sind. Zunächst die drei anregenden Faktoren - Forschergeist, Energieeinsatz und Freude. Forschergeist will mit eigenen Augen sehen, durch eigenes Begreifen Zusammenhänge verstehen. Da heißt es sichten, sortieren und unterscheiden, worauf es wirklich ankommt. Was hat Priorität in meinem Leben? Was liegt mir wirklich am Herzen? Der Forschergeist stellt Fragen und sucht den Kontakt mit Menschen, die ähnliche Ziele verfolgen, die auch aufwachen wollen. Forschergeist ergründet die Wege zur Verwandlung und aktiviert immer wieder das Durchhaltevermögen, das Sie brauchen, um Ihre Vorhaben bis zum Ziel zu verfolgen. Finden Sie heraus, wodurch diese Form von Energie in Ihnen geweckt wird! Was gibt Ihnen die Kraft, ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen? Was stärkt Ihren Mut, sich selbst treu zu bleiben? Ein Ziel, das uns Freude macht, uns überzeugt und wertvoll erscheint, aktiviert die inneren Kräfte. Die Kunst im Verfolgen solcher Ziele liegt darin, sich Tag für Tag kleine Abschnitte als Teil-Ziele zu stecken, denn wenn wir uns abends sagen können: ich bewege mich - ich wachse - heute habe ich es geschafft, meinem Ziel wieder ein Stückchen näher zu kommen, dann können wir zufrieden einschlafen und uns auf den Lorbeeren unseres Forschergeistes ausruhen. Wenn Sie in sich die guten Auswirkungen des Forschergeistes erleben, wachsen Ihr Selbstvertrauen und Ihre Handlungskräfte wie von selbst. Der dritte anregende Faktor – Freude - ist uns wohl bekannt. Wir lieben ja alle Dimensionen von Freude, die Vorfreude auf ein Ereignis, den jubelnden Höhepunkt und die Erinnerung daran. Freude wächst manchmal bis zur Begeisterung, sie erhebt und beflügelt unseren Forschergeist und bringt ihn erst so richtig in Schwung. Freude bewegt uns in winzigen Momenten ebenso wie tagelang, Freude kann still oder euphorisch sein, wir erleben sie heimlich ebenso wie im Kreis von vielen Menschen. Freude verbreitet und vermehrt sich wie von selbst. Freude ist auch ein Element wahrer Liebe. In den buddhistischen Lehren heißt es, wenn Liebe keine Freude mit sich bringt, ist es keine wahre Liebe. Wenn sich jemand freut, springt der Funke auf uns über, vorausgesetzt, dass wir diesem Menschen gegenüber wohlwollend und offen sind. So vermehrt sich geteilte Freude zu doppelter Freude. Bei der Fußballweltmeisterschaft haben wir das gerade ausführlich miterlebt – die Freude der Spieler und Trainer über einen Tortreffer wollten wir uns in der Wiederholung immer wieder anschauen, so ansteckend wirkten die Bilder auf uns. Um zu illustrieren, wie heilsam Freude wirken kann, erzählt Martin Buber, der große jüdische Religionsphilosoph, die folgende Anekdote: „Mein Großvater war gelähmt. Eines Tages bat man ihn, eine Geschichte über seinen Lehrer zu erzählen. Mein Großvater berichtete, wie sein eigener Lehrer hin und her sprang, ja, sogar tanzte, wenn er seine Gebete sprach. Mein Großvater richtete sich beim Erzählen auf und wurde so mitgerissen von seinen Erinnerungen an den geliebten Lehrer, dass er sich auf seine zwei Beine stellte und herumhopste, um zu zeigen, wie sein Meister gebetet hatte. Seitdem ist mein Großvater von der Lähmung geheilt.“ Es hat eine innere Logik in der Entwicklung der Erleuchtungsfaktoren, dass nun körperliches Entspanntsein und innere Sammlung als beruhigende Faktoren genannt werden. Denn auf dem Boden der Freude kommt der Geist ganz von selbst zur Ruhe und schließt das körperliche Wohlergehen mit ein. Der erste beruhigende Faktor, körperliche Entspannung, wird in den Schriften auch Gestilltsein genannt. Stellen Sie sich ein frisch gestilltes Baby vor, wie es mit einem verzückten Lächeln vollkommen entspannt an der Mutterbrust liegt und schläft. Dieser Zustand ist gemeint. Buddha empfiehlt uns, als Erwachsene nicht darauf zu verzichten, sondern immer wieder körperliches und geistiges Loslassen zu kultivieren. Eine große Wanderung, ein paar Saunagänge oder ein ausgelassener Tanzabend können uns in diesen Zustand ebenso versetzen wie tiefe Meditation. Regelmäßige Meditationsübung gewinnt zusätzlich an Bedeutung, weil so die innere Sammlung genährt wird. Die letzte der drei beruhigenden Eigenschaften heißt Gelassenheit, verstanden als eine Form des inneren Überblicks. Bei vollständiger Anwesenheit im gegenwärtigen Moment erleben Sie, wenn Sie gelassen sind, eine Freiheit von Verlangen und Aversion, Sie engagieren sich, ohne an Ergebnissen zu kleben. Gelassenheit nennen wir im Buddhismus auch Gleichmut. Gleichmut ist wie ein Berg, wie Mutter Erde, die geduldig alles annimmt, ganz gleich, was geschieht. Wenn es uns gelingt, unser Herz trotz aller Widrigkeiten offen zu halten, Herzensgröße zu zeigen und unerschütterliche Stabilität zu vermitteln, dann sind wir wahrlich gelassen. Nun haben Sie ein paar Anregungen erhalten zu den Sieben Faktoren des Erwachens. Ich nenne sie noch einmal alle nacheinander: Achtsamkeit, Forschungsinteresse, Energieeinsatz, Freude, körperliches Entspannung, innere Sammlung und Gelassenheit. Wenn Sie mehr Anregungen dieser Art interessieren, wenn Sie Buddhas Lehre tiefer erkunden möchten, holen Sie sich inspirierende Bücher aus der öffentlichen Bibliothek, besuchen Sie Kurse in bekannten Seminarhäusern oder suchen Sie sich eine Meditationsgruppe zum Austausch mit Gleichgesinnten. Nutzen Sie diesen Sonntag, um mit all Ihrem Forschergeist einen der sieben Faktoren weiter zu entwickeln.
Ich wünsche Ihnen dabei viel Freude!
|
|