Buddhistische Gesellschaft Hamburg e.V.

Rezension

Hellmuth Hecker: Die Psychologie der Befreiung – Der Buddha und die Triebe

Verlag Beyerlein & Steinschulte: Stammbach-Herrnschrot 2006

Der Untertitel des Buches vermittelt auf den ersten Blick, jedenfalls ging es mir so, ein falsches Bild vom Inhalt des Buches. Es geht eben nicht um Triebe, die ich allgemein mit dem Begriff verbinde, insbesondere den Nahrungs- und Fortpflanzungstrieb. In dem Buch von Dr. Hellmuth Hecker geht es um die Triebe, die als Grundlage für den Durst im Sinne der Lehre des Buddha zu verstehen sind. Es geht also um Gier, Hass und Verblendung, die der Buddha die Wurzel alles Unheilsamen nennt. Im ersten Teil des Buches werden diese Triebe ausführlich erläutert.

„Der Erwachte sagt: Das Leiden besteht im Ergreifen der fünf Faktoren (Form, Gefühl, Wahrnehmung, Aktivitäten/Gestaltungen, Bewusstsein), die Leidensentwicklung geschieht auf Grund des Nichtwissens; dieses bestimmt die Triebe,die im Durst in Erscheinung treten, der wiederum bedingt Ergreifen. Die Leidensauflösung besteht in der Auflösung von Nichtwissen, Trieben und Durst. Und der Heilsweg ist die Vorgehensweise dazu. Anstatt zu sagen – wie es gelegentlich geschieht – der samsâra bestehe in den fünf Faktoren und das nirvâna ist deren Auflösung, muss man formulieren: Der samsâra ist Gier, Hass und Verblendung, und das nirvâna ist deren endgültige restlose Auflösung. Die Folge davon ist, dass sich dann auch die Identifizierung mit Geburt und Tod auflöst, d. h. das Ergreifen der fünf Faktoren. Das ist das nirvâna. Eingreifen kann man bei Gier, Hass und Verblendung, indem man diese Triebe nicht bestätigt oder mehrt, sondern sie negativ bewertet, durchschaut und dann nicht mehr ergreift. Daraus folgt, dass die Betrachtung von Gier, Hass und
Verblendung die Grundlage aller heilsamen Bemühungen ist.“ (Seite 29)


Am Anfang aller Heilsentwicklung, schreibt Hecker, am Beginn des zum nirvâna führenden Achtfachen Pfad, steht die Überwindung der Triebe in Form der ersten drei Fesseln (Persönlichkeitsansicht, Zweifel, Überschätzen von Tugendwerk), während der Schwerpunkt in der Mitte des Achtpfads vorwiegend auf der Überwindung der fünf Hemmnisse (Sinnengier, Aversion, Matte Müde, Unruhe und Ungeduld, Zweifel) liegt sowie der vierten und fünften Fessel, die identisch mit den beiden ersten Hemmnissen sind. Am Ende geht es um die Auflösung der fünf oberen Fesseln (Gier nach Form, Sehnsucht nach Formfreiheit, Dünken, Unruhe, Unwissen) und der drei Triebflüsse (Triebfluss der Sinnlichkeit, des Werdeseins, des Unwissens). So gliedert sich das Buch nach den einzelnen Schritten und der Leser kann dem vorgegebenen Weg problemlos folgen. Das Buch bietet durch die übersichtliche Gliederung aber auch die Möglichkeit, die einzelnen Begriffe immer wieder nachzuschlagen. Dem Autoren ist es mit diesem Buch gelungen die Materie überschaubar zu gestalten  Aufbauend auf der Lehre des Buddha wird der Weg der Befreiung in verständlichen Worten geschildert.

Wie es dazu kommt, dass Herz und Bewusstseinsablauf mit Trieben besetzt sind und was diese Triebe dabei bedeuten, ist der Inhalt dieses Buches. Herz und Bewusstseinsablauf können aber auch ganz ohne Triebe bestehen, nämlich beim Geheilten, dem Triebversiegten. Herz und Bewusstseinsablauf von den Trieben zu befreien – das ist, auf die einfachste Formel gebracht,
 der Inhalt und Sinn der ganzen Leere! (Seite 27)

Die Triebe zu beschreiben und die Wegeaufzuzeigen, wie man sich davon befreien kann, liegt diesem ausführlichem Werk zugrunde. Es zeigt, über welch bedeutende Kenntnisse des Pâlikanons der Autor verfügt, und deshalb ist es auch ein Buch, das sich eng an der Lehre des Buddha orientiert. Aus dem Buch ergibt sich, dass der Verfasser von dieser Lehre äußerst überzeugt ist, weshalb es auch nur in diesem Kontext verstanden werden kann. Der Leser sollte der Lehre nicht fern sein, weil sich ihm sonst der Zusammenhang der Ausführungen schwerlich erschließen würde. Immer wieder greift Hecker Teile der Lehrreden heraus und formuliert um sie herum seine eigene Sicht in verständlicher
Sprache:

Wie die fünf unteren Fesseln mit fünf entsprechenden Anliegen zusammenhängen, erklärt der Erwachte in M 64: Das Kleinkind bringt bei der Inkarnation aus früheren Existenzen seine Triebe mit. Die Triebe unter dem Gesichtspunkt der Wiedergeburt und des Überdauern des Todes sind die Anliegen. Diese Anliegen werden dann beim Kind erst allmählich zu Fesseln, wenn sie sich mit den entsprechenden Objekten verbinden. Daraus erwächst dann der Durst, der als Anziehungskraft der Dinge erscheint, als Anziehung oder als Abstoßung. Darum heißt es in den Lehrreden auch, dass der Durst ganz gestillt und samt seinen Wurzeln (den Fesseln und Anliegen) ausgerottet werden müsse. Von den Trieben und den Fesseln heißt es, dass sie zu überwinden seien, während bei den Anliegen außerdem noch hinzugefügt wird, dass sie auszurotten seien. Die Anliegen müssen aus der Tiefe der Psyche, des Herzens, der „Seele“ wirklich herausgeschlagen werden, völlig vertilgt werden. Erst wenn das geschehen ist, gibt es keinen Durst mehr. Fesseln und Anliegen werden oft zusammen genannt, aber immer in dieser Reihenfolge, sowohl innerhalb ein- und derselben Rede, als auch in zwei aufeinander folgenden eng verwandten Reden. Das entspricht der allgemeinen Gewohnheit des Pâli, dass bei Doppelbegriffen zuerst die sichtbare Wirkung genannt wird und danach deren Ursache, während es bei uns gerade umgekehrt ist. Wir sagen „Mutter und Kind“, im Pâli heißt es „Kind und Mutter“. So auch bei Fesseln und Anliegen: In M 64 wird von der sichtbaren Auswirkung (den fünf unteren Fesseln) ausgegangen und dann auf die zugrunde liegende Ursache (Anliegen) eingegangen. Dazu passt eine weitere Unterscheidung von Fesseln und Anliegen: in A VI/102 sagt der Buddha, dass die Fesseln durch Betrachtung der Unbeständigkeit überwunden werden. In A VI/103 heißt es, dass die Anliegen durch Betrachtung des Leidens ausgerottet werden. Offenkundig ist die Unbeständigkeit, die ständige Wandlung der Dinge, der Verlust des Angenehmen, so dass man sich bei diesem Anblick leicht davon distanzieren kann. Aber die Tatsache des Leidens ist nicht so offenkundig und zeigt sich oft erst viel später. Das Leiden gibt den kräftigsten Anstoß zur Überwindung, und es bedarf seiner, um die Anliegen als kraftvollsten Aspekt der Triebe zu erkennen und aufzulösen. (S. 89)

Dieses Buch wird dem aufmerksamen Leser in seiner täglichen Praxis ein wertvoller Wegweiser sein können, den nur jemand erschaffen konnte, der, wie Hecker, jahrzehntelange intensive Studien der Quellentexte in der Originalsprache Pâli betrieben hat und von der Lehre selbst, nach langer ernsthafter Praxis, durchdrungen ist.

Gino Leineweber

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