Buddhistische Gesellschaft Hamburg e.V.

Alfred Weil: Morgenröte und heller Tag

Alfred Weil: Morgenröte und heller Tag
– die vier befreienden Wahrheiten des Buddha


Beyerlein & Steinschulte: Stammbach-Herrnschrot 2006, 367 S.


Der weitbekannte buddhistische Lehrer und langjährige Vorsitzende der Deutschen Buddhistischen Union, Dr. Alfred Weil, hat ein, im wahrsten Sinne, Wunder volles, Buch über die Möglichkeiten vorgelegt, die der buddhistische Weg allen Menschen eröffnet. Ich sage, Wunder voll, weil er niemals von den Ur-Texten des Buddhismus (Palikanon) abweicht und gleichzeitig diesen doch so viele neue Details abgewinnt und sie insgesamt in didaktisch großartiger Art und Weise uns Menschen dieses kalten, technokratischen Zeitalters in Beispielen aus dem Heute nahe bringt. Desweiteren ist dieses Buch ein großer Beweis dafür, dass der Buddhismus in Deutschland die nüchterne Scholastik der frühen Jahre seiner Ankunft in Europa abgelegt hat und spirituell in die Herzen seiner Anhänger der heutigen Generationen gelangt ist. Bei Alfred Weil gesellt sich zur tiefen Kenntnis der buddhistischen Schriften auch eine umfassende eigene Praxis, die dieses Buch in jedem Gedanken spüren lässt. Ein religiöses Buch im wahrsten Sinne, hilft es doch, uns mit uns selbst und der Welt wieder (re-) zu vereinigen (-ligere). Das Ansinnen der buddhistischen Übung schlechthin.

Das Werk unterteilt sich in zwei Abschnitte, den ersten aus dem heutigen Leben und Alltag geboren, Fragen der Menschen an einen buddhistischen Lehrer und Beobachtungen, die dieser bei den Menschen und ihrem Sein in der Welt hier und jetzt macht. Der zweite Abschnitt ist „katechetischer“ Natur, wobei der Autor die Aussagen des historischen Buddha in einer modernen Sprache mit den Beispielen aus den Schriften wie auch heutigen Fragestellungen und Geschehnissen unterlegt. In beiden Teilen geht er dabei pädagogisch sehr geschickt so vor, dass er zunächst die Beispiele aus dem Leben nimmt, diese dann erläutert und seine buddhistischen Erklärungen dazugibt und diese mit Beispielen des Buddha und dessen Erläuterungen anreichert. Danach kommt in jedem Kapitel ein erster Anhang, in dem Originalzitate in der der heutigen Zeit adäquaten Übersetzungen aus dem Palikanon zu der entsprechenden Thematik gebracht werden. In einem zweiten Anhang jedes Kapitels fasst der Autor dann den Inhalt noch einmal kompakt zusammen. Auf diese Weise wird eine einmalige Nachhaltigkeit erzielt und gleichzeitig eignet sich das Werk auch zum Nachschlagen und als Brevier für jeden Tag. Man kann in die umfassende Version gehen, in des Buddha Wort zu dem Thema, oder in die Zusammenfassung für die „schnelle“ morgendliche Ausrichtung auf den neuen Tag, als Einstimmung vor der Andacht bzw. Meditation oder auch als Hilfe vor einem wichtigen oder schweren Gespräch.

Besonders im ersten Teil wird auch der Nicht-Buddhist dort abgeholt, wo er gerade mit seinen Fragen, seiner Ratlosigkeit oder Traurigkeit steht. Hier werden Egoismus und Materialismus angesprochen, Überphänomene unserer Zeit, die uns nur kurz zur Zufriedenheit führen und dann doch klammes Unglücklichsein auslösen. Das Zusammenleben, die Arbeit, sogar in Familie und Freizeit, immer wollen wir etwas mehr und etwas besonderes sein, treten nach unten und rudern nach oben, verschleißen uns und brennen aus. Und ahnen doch immer, dass es auch anders geht. Das wirklich Schöne an dem Buch ist, dass es diese Subtilität immer wieder aufs Neue ins Spiel bringt. Irgendwo in unserem Herzen wissen wir es, und wissen auch, wie es anders gehen kann. Genau an diesem Punkt erhalten wir durch den Text gut begründete Aufmunterung und Bestärkung. Erhellend finde ich auch, dass Alfred Weil einer Frage nicht aus dem Wege geht, die der westliche (bes. Theravada-) Buddhismus bisher eher gemieden hat, mit der der Shakyamuni-Buddha aber zu seiner Zeit vollkommen zwanglos umgegangen ist, der Frage nach Göttern, Geistern. Höllen und auch den Fragen nach Wiedergeburten, eigenen Vorleben und persönlichem Karma. Fast ebenso undogmatisch geht hiermit auch der Autor um. Er geht hierbei von der (bei vielen von uns) gesellschaftlich bedingten, reduzierten, ja degradierten Fähigkeit der Sinne aus (aus denen Religion lebt, weil der Religiöse gerade mehr von der Welt erfasst, als der materiell Abgestumpfte), die wir freilegen können, um dann die genannten Phänomene zu erspüren. Es geht hier nicht um Hollywood-Geister oder Höllen monotheistischer Lehren, sondern um die Geister, die uns in ihren Süchten nach heute diesem, morgen jenem umgeben und die Höllen, die sogar schon zu uns gekommen sind, nicht erst seit Hitler und Sadam. Ihre Entstehung und Fortsetzung können sie in Vorzeiten gehabt haben und weiter fortexistieren, auch in anderen Dimensionen (die Physik kennt heute viel mehr als die aus Schulbüchern gelernten vier). Auch der neueren Physik nach hat jedes Ereignis, jedes Ding, jedes Lebewesen, eine „Erinnerungs-Info“, die außen auf das Raum-Zeit-Kontinuum projiziert ist. Darüber lassen sich vielleicht Vorleben einmal dokumentieren. Buddha und anderen Meistern hat es gereicht, diese einfach vor dem geistigen Auge gesehen zu haben, weil sie hierzu wegen ihrer unverblendeten Sichtweise Zugang hatten. Auch, wohin Karma führt, könnte dokumentiert werden, nämlich ganz einfach in eine „adäquate“ Wiedergeburt. Wiedergeburt nicht als Person sondern als Karma. Auch wir gehen einen ähnlichen Weg, den wir erspüren können, sofern wir uns einlassen. Aber die gute Botschaft ist, dass Karma nicht einfach ein „Negativkonto“ ist. Es wird dir mit auf den Weg in dieses Leben gegeben und: Du kannst es in diesem Leben zum Ende bringen und über das Erwachen durch den Buddhaweg Nirvana / Erleuchtung erhalten. Sogar du!

Der zweite Teil ist mit „Revolution des Geistes“ überschrieben. Die Hilfestellungen und auch Weisungen sind prägnant und, bezogen auf die Überlieferungen, authentisch. Sie gehen „unter die Haut“ und zielen wohl mehr auf diejenigen, die bereits Übende auf dem Weg sind. Hier werden die Entstehung allen Leidens und die Möglichkeiten zu seiner Überwindung dargelegt.
Der Achtfache Pfad wird dargestellt und aus der Erfahrung des Autors und Lehrers tiefgreifend und mit Ratschlägen erläutert. „Reise zum jenseitigen Ufer“ – für den Menschen der „Aufklärung“ ein „logischer“, physischer Abbruch, wird hier ganz in seit Äonen schon (vor-) buddhistischer Erfahrung als Aufbruch beschrieben, aber auch als Abbruch, weil man – noch in diesem Leben – viele lieb gewonnene Gewohnheiten aufgeben muss, um DIE große Reise anzutreten; jetzt, hier, sofort! Beginne mit deinen Übungen. Schiebe es nicht mehr auf die lange Bank, wie du es vielleicht schon länger vorher getan hast. Übe die Glieder des Achtfachen Pfades, öffne dein Herz und gib etwas von deinem Überfluss ab, rede nicht mehr schlecht über Kollegen (auch wenn diese geschwätzig oder faul sind), öffne deinen Geist, übe Achtsamkeit und Meditation, bei einem guten Lehrer/in. Sehr einfühlsam beschreibt der Autor die positiven Wirkungen solchen Handelns aus der eigenen Erfahrung und der Beobachtung an anderen. Auch die psychologischen Momente der „Selbstheilung“ werden beschrieben, wie man sich selbst sozusagen Schritt um Schritt „umprogrammieren“ kann und ein neues Leben aufnimmt. Alfred Weil schlägt auch ganz praktisch und wirkungsvoll vor, die asiatische Tradition des Uposatha-Tages in die eigene Wochenplanung aufzunehmen. Einen Tag in der Woche für die Übung des eigenen Geistes. Einen Tag ohne Fernsehen, Verabredungen, mit Meditation, wenig Sprechen, Lesen eines guten Textes, und allgemein für Übungen des Verzichts (kein Alkohol, keine Schlemmerei, kein Sex usw.). Eine großartige Selbsterfahrung steht dem bevor, der diesen Übungsweg geht.

Ein insgesamt hervorragendes Buch, das den bereits Übenden und den, der sich noch scheut, dort abholt wo er steht. Es bietet viele Möglichkeiten des Einstiegs in den buddhistischen Weg und lohnt sich für jeden zum Erwerb. Es animiert auch dazu, die Vielzahl schöner Gedanken, Beispiele, Gleichnisse in sich aufzunehmen und auch an andere weiterzugeben. Es macht Mut und gibt Freude, gerade wenn man wieder einmal in eine kleine Krise gerät, kann man es aufschlagen, tief durchatmen und trifft auf alle Weisheit Asiens, über Tausende von Jahren entstanden, und in den Lehren des Buddha kondensiert.

Das Schlusskapitel ist, gerade die Schulen des Buddhismus betreffend, leider zu knapp geraten. Manchmal hat der Autor auch der Praxis den Vorzug vor der Theorie gegeben. Begriffe wie Dualismus und Leerheit werden angerissen und finden ihren Ausgang im Nirvana als Endpunkt, einem Leben in Gleichmut und vollkommener Weisheit im Denken und Handeln. Aber diese Diskussion hätte das vorliegende Werk nur gesprengt. Das Buch gibt auch dem philosophisch Interessierten genug Anregungen, an diesem oder jenem Punkt in die frühbuddhistische Originalliteratur bzw. spätere Sutren und Darlegungen zu gehen, die, ausgehend von den Urtexten, schon im Indien vor ca. 2000 Jahren, eine erste Blüte (z. B. Madhyamaka) hatten.

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