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Innehalten und Verweilen - Momente der Stille im Alltag genießen
Radiovortrag von Marie Mannschatz, 8. Juli 2007
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!
Haben Sie schon beim Aufwachen bemerkt, dass es heute ruhiger auf den Strassen ist, dass Sie nicht die Schritte der Nachbarn im Treppenhaus hören? Können Sie sich an der sonntäglichen Stille erfreuen, oder erreicht Sie meine Stimme mitten bei der Arbeit und Sie sehnen sich insgeheim nach mehr Ruhe?
Manche Menschen sind einen alltäglichen Geräuschpegel so sehr gewohnt, dass ihnen Stille Unwohlsein verursacht. Sie deuten Stille als verlassen sein, sich einsam und nicht zugehörig fühlen. Eheleute bestrafen einander zuweilen mit Stunden, sogar Tagen des Schweigens. Eltern erziehen ihre Kinder mit dem Ausruf „Sei still!“ und schlagen die Tür hinter ihnen zu. So passiert es leicht, dass wir Schweigen und Stille mit unangenehmen Gefühlen verbinden. Doch selbst wenn wir solche Erziehungsmaßnahmen nicht erfahren mussten, erscheint die Stille vielen bedrohlich. Stille ist selten geworden. Überall treffen wir heutzutage auf Hintergrundsmusik. In Einkaufzentren, auf dem Flughafen, in der Arztpraxis. Wir sind es gewohnt, mit Motorenlärm auszukommen. Das Flugzeug, der Rasenmäher, die Stichsäge, elektronisches Spielzeug, Handys – es gibt eine alltägliche Lärmverschmutzung, die uns schon selbstverständlich erscheint.
Deshalb sind Momente der Stille so kostbar. Wir sollten sie sogleich einrahmen in Achtung und Dankbarkeit. Denn die Stille ist ein Tor zu unseren inneren Räumen. Der Religionsphilosoph Romano Guardini hat gesagt „Erst das Schweigen tut das Ohr auf für den inneren Ton in allen Dingen“.
Stille und Schweigen laden uns dazu ein, die lärmenden Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Wenn wir nicht von äußeren Geräuschen abgelenkt werden, hören wir zunehmend in uns selbst hinein. Einerseits ist das eine Chance und andererseits erleben wir das als Herausforderung, denn die Stille ruft zugleich Angenehmes und Schwieriges in uns wach.
Wenn gar nichts passiert, wenn es so ganz ruhig um uns ist, taucht das Gefühl einer Leere auf. Vielleicht spüren Sie in dieser stillen Leere als erstes, was Ihnen nicht gefällt oder was Ihnen fehlt. Sie erinnern sich an Versäumnisse, an Versprechen, die Sie nicht gehalten haben, an Sehnsüchte, die unerfüllt bleiben. Im Stillesein spüren wir, wie wenig wir uns selbst annehmen können, wie sehr wir uns selbst bewerten und verurteilen. Das tut weh und verleitet uns dazu, die Stille zu vermeiden, um den Schmerz nicht zu spüren. Die Stille erinnert uns aber auch daran, dass unsere Schmerzen und Ängste Aufmerksamkeit brauchen, damit wir sie heilen können. Die Stille weckt den Wunsch, dass wir respektvoller mit uns selbst umgehen und genauer auf unser Herz hören. Obwohl wir möchten, dass unser Herz sich wohl fühlt, fällt es den meisten Menschen schwer, einen lebendigen Dialog mit dem eigenen Herzen zu pflegen. Das haben wir nicht gelernt. Das ist uns fremd.
In jeder geistigen Praxis und Religion ist es deshalb eine zentrale Aufgabe, den Herzensempfindungen mehr Beachtung zu schenken und sich selbst lieben zu lernen.
Ob im japanischen Zen, im tibetischen Kloster oder bei den Thai-Mönchen – alle Traditionen der buddhistischen Lehre legen größten Wert auf die stille Begegnung mit sich selbst in der Meditation. Meditation ist ein kontinuierliches, bewusstes Hineingehen in die Stille, das uns erlaubt, mit uns selbst und mit der Welt ins Reine zu kommen.
Buddha hat gesagt: „Nicht außerhalb, nur in sich selbst soll man den Frieden suchen. Wer die innere Stille gefunden hat, der greift nach nichts und verwirft auch nichts.“ (Sutta Nipata 919)
Im inneren Verweilen beruhigt sich der Geist. Die Gedankenwogen glätten sich und man findet Raum zu überdenken, worauf es im Leben wirklich ankommt. Innere Einkehr, Gebet, Kontemplation und Meditation brauchen den Boden der Stille.
Haben Sie schon einmal meditiert? Manche von Ihnen werden sagen: Natürlich, das ist meine Lieblingsbeschäftigung. Andere meinen: „Meditation interessiert mich nicht“ und wieder andere werden sagen: „ Ich würde gerne einen Zugang finden, aber es gibt so viele unterschiedliche Methoden, wo soll ich da beginnen?“
Es gibt tatsächlich viele Meditationstechniken. Sie können zum Beispiel mit offenen Augen auf eine weiße Wand schauen, dem inneren Ton lauschen oder den Blick auf eine Rose oder Kerze richten. Sie können ein Mantra sprechen oder mit der Aufmerksamkeit dem Ein- und Ausatmen folgen.
All die verschiedenen Meditationsmethoden haben eines gemeinsam: Man übt, die Aufmerksamkeit ganz bewusst auf ein Objekt, eine Erfahrung auszurichten. Ganz gleich, wie oft wir in Gedanken abschweifen - wir lernen beim Meditieren, die innere Aufmerksamkeit immer wieder zurück zu bringen zum Atem oder zum inneren Ton oder zurück zur leeren Wand. Unser Denken und Planen, Erinnern und Phantasieren kommt dadurch zur Ruhe. Wenn wir uns nur auf eine einzige Aufgabe im Geist zentrieren und alle anderen Ablenkungen loslassen, kann Frieden einkehren.
Millionen von Menschen in unserer westlichen Konsumkultur schätzen Meditation als Gegengewicht zu ihrem aufreibenden Alltag. Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat sich die Zahl der Meditierenden vermutlich verdoppelt. Es gibt bereits Krankenhäuser, in denen Meditation gelehrt wird. Manche Krankenkassen fördern Achtsamkeitskurse, und es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das bewusste Eintauchen in die Stille unsere körperliche und geistige Gesundheit fördert.
Meditieren kann jeder, der seine Aufmerksamkeit lenken und für einige Minuten halten kann. Sie lernen durch Meditation, innere Kraft aufzubauen und Ruhe zu finden. Sie üben, Wirklichkeit von Vorstellung zu unterscheiden. Sie merken, wo Sie innerlich ausweichen und Widerstand erzeugen, und Sie erleben, wie wohltuend es ist, wenn Sie diesen Widerstand loslassen und tief durchatmen können. Meditation ist eine alltägliche Erkundungsreise in die Stille, bei der es unendlich viel zu entdecken gibt.
Es ist jedoch schwer, allein den Weg durch das Dickicht der eigenen Gedankenwelt zu finden. Dafür brauchen wir präzise Wegbeschreibungen, Meditationsanleitung, Lehrer und Lehrerinnen, die uns zeigen, wie wir die innere Landschaft erobern können. Buddha hat ein umfassendes Lehrsystem entwickelt, das uns erklärt, wie wir durch Meditation wachsen und zunehmend freier werden können. Buddha sagte:
„Wer die Dinge, die den Geist trüben, aufgibt und die Eigenschaften entfaltet, die zur Läuterung führen, der wird schon in diesem Leben die Fülle der Weisheit und die Vollkommenheit verwirklichen und Freude, Seligkeit und innere Stille finden und in klarer Bewusstheit und Besonnenheit leben. Das ist ein Zustand der Glückseligkeit.“ (Digha Nikaya 9)
Glückseligkeit – wer wünschte sich das nicht. Der Buddhismus lehrt, dass es möglich ist, dieses Gefühl in uns zu erwecken. Kontinuierliches Innehalten und In-Sich-Hineinhorchen steht auf dem buddhistischen Übungsweg an allererster Stelle. Wir versuchen, zu verstehen, nach welchen Gesetzen sich das Leben entfaltet, warum wir manchen Menschen gegenüber abweisend oder auch wohlwollend sind. Wir üben, uns unsere inneren Absichten bewusst zu machen und mit unserem Handeln in Einklang bringen.
Meditation hilft uns dabei. Im stillen Sitzen gelingt es immer besser, sich nicht von Aufregung beherrschen zu lassen. Wir spüren dann, dass es nichts bringt, unseren Gelüsten hinterher zu jagen, weil wir nur allzu oft dadurch in Schmerz und Verwirrung geraten. Wir bleiben öfter daheim, nehmen uns mehr Zeit für die Kinder, hören länger zu. Mehr und mehr schätzen wir Momente der Gelassenheit im Alltag. Wenn wir für einen Bruchteil von Sekunden tatsächlich frei sind von Erwartungen und Vorstellungen, dann tanken wir auf. Da wir in diesem Moment weder Festhalten noch Widerstand leisten, erleben wir die Freiheit und die Freude des reinen Daseins. Je häufiger wir friedliches, ruhiges Verweilen erfahren, desto tiefer wächst das Vertrauen in die eigene Kraft. Wir erkennen, dass die Energie, die wir für Meditation aufwenden, Nektar für unser Herz ist. Und ein rundes, sattes Herz macht uns glücklich.
Doch auch wenn Sie nicht formelle Meditation üben möchten, können Sie dennoch jedes Innehalten im Alltag genießen und daraus Kraft schöpfen. In aller Ruhe mal eine Tasse Tee trinken. Ohne jegliche Ablenkung ein paar tiefe, bewusste Atemzüge an der frischen Luft machen und sich an der Natur erfreuen; beim Gehen nur die Aufmerksamkeit auf die Fußsohlen richten und spüren, wie wir die Erde berühren; im Brausen der Stadt leise Nischen suchen, in denen wir für einen Moment in uns selbst hinein lauschen, im Museum, in der Kirche, im Park – all das hilft uns, die Anforderungen des Alltags mit Gelassenheit zu tragen.
Erinnern Sie sich an die Kraft der Stille. Nutzen Sie im Alltag Gelegenheiten zur Ruhe zu kommen.
Schließen Sie die Augen im Wartezimmer, statt in einer Illustrierten zu blättern. Spüren Sie in Ihren Körper hinein, wenn Sie in der U-Bahn sitzen. Suchen Sie in der Mittagspause einen Ort, wo Sie sich zurückziehen und sammeln können. Sie werden sich selbst sehr dankbar sein, wenn Sie erleben, wie wohl das tut.
Dorothee Sölle hat ein Gedicht über die Stille geschrieben, dass ich Ihnen zum Abschluss vorlesen möchte. Es heißt:
Wenn ich ganz still bin Wenn ich ganz still bin Kann ich vom bett aus Das meer rauschen hören
Es genügt aber nicht ganz still zu sein Ich muss auch meine gedanken vom land abziehn
Es genügt nicht die gedanken vom festland abzuziehen Ich muss auch das atmen dem meer anpassen Weil ich beim einatmen weniger höre
Es genügt nicht den atem dem meer anzupassen Ich muss auch händen und füssen die ungeduld nehmen
Es genügt nicht hände und füsse zu besänftigen Ich muss auch die bilder von mir weggeben
Es genügt nicht die bilder wegzugeben Ich muss auch das müssen lassen
Es genügt nicht das müssen zu lassen Solange ich das ich nicht verlasse
Es genügt nicht das ich zu lassen Ich lerne das fallen
Es genügt nicht zu fallen Aber während ich falle Und mir entsinke Höre ich auf Das meer zu suchen Weil das meer nun Von der küste herauf gekommen In mein zimmer getreten Um mich ist
Wenn ich ganz still bin
Marie Mannschatz
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