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In der Genügsamkeit liegt die Fülle. Eine Betrachtung aus buddhistischer Sicht
Wolfgang Krohn
Radiovortrag auf NDR Info am Sonntag, dem 08.01.2006, 07.15 Uhr
Bevor ich auf das eigentliche Thema komme, möchte ich dem Leser eine Legende aus der griechischen Antike präsentieren. Sokrates (470-399 v. Chr.), der bedeutende Philosoph der frühen Stoa, ging einmal mit seinen Schülern auf einen belebten Markt in Athen, wo viele Händler ihre Waren zum Verkauf feilboten. Da brach er in lautes Gelächter aus. Er lachte, lachte und lachte. Die Schüler, sehr verwundert über ihren Lehrer, fragten ihn, warum er denn so lache. Er antwortete ihnen: „Ach wie schön, dass ich all diese vielen herrlichen Sachen überhaupt nicht brauche!“ Was versteht man unter Genügsamkeit? Sich genügen, mit dem zufrieden sein, was man hat. Aus sich selbst heraus leben, ohne eine große Wertschätzung der vielen Äußerlichkeiten zu entwickeln, die das Leben begleiten. Seneca, der römische Philosoph der mittleren Stoa (4 v.Chr.-69 n. Chr.), schreibt: “Der Weise ist sich selbst genug!“ Genügsamkeit ist jedoch nicht gleich Bedürfnislosigkeit. Auch ein genügsamer Mensch hat noch Bedürfnisse. Er muss essen, sich kleiden, eine Wohnstatt haben und im Krankheitsfall mit Arzneien versorgt werden. Im 12. Jahrhundert, als die christlichen Klöster ihre Blütezeit erlebten, galt Besitzlosigkeit als etwas Erstrebenswertes; die Mönche und Nonnen priesen und übten die Genügsamkeit. Sie sahen Besitz als ein großes Hindernis an, um zu Gott zu gelangen und waren eine besitzlose Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die nicht den Wunsch verspürte, versorgt zu werden. Vielmehr war ihr genügsames Leben Ausdruck der Weltabkehr und -Überwindung. Sie verringerten ihre Wünsche bis aufs Äußerste, um jenen spirituellen Weg zu beschreiten, der zu Gott führt und sie mit ihm vereinte. Vielen ist bestimmt Mahatma Ghandi bekannt. Er ist Ausdruck vollendeter Genügsamkeit in unserer Zeit. Er sagte: Die Kultur im wahren Sinne des Wortes besteht nicht darin, die Bedürfnisse zu vervielfältigen, sondern darin, sie freiwillig und absichtlich zu reduzieren. Das bringt das wahre Glück, die echte Befriedigung. (Nachzulesen in: Der Mittlere Weg, Jahrgang Nr. 3, Nr. 37) Ghandi hatte kaum eigene Wünsche. Seine Genügsamkeit diente dazu, sich für andere Menschen aufzuopfern, damit sich ihre Lebenssituation unter der englischen Kolonialmacht verbesserte. Er hat die Gewaltlosigkeit gegenüber England praktiziert und Indien zu einem unabhängigen Staat gemacht. Wäre er nicht genügsam gewesen, hätte er dieses Ziel wohl niemals erreicht. Was versteht man nun unter Genügsamkeit aus buddhistischer Sicht? Der Buddha war ein Prinz und hatte somit alles, was sich ein Mensch nur vorstellen kann. Jeder Wunsch wurde ihm erfüllt, aber ein dauerhaftes Glück wurde dem Prinzen dennoch nicht zuteil. Er sah, wie die Menschen einerseits im Überfluss lebten, andererseits aber von Krankheit, Alter und Tod heimgesucht wurden. Weil er die Wahrheit suchte, verließ er sein Elternhaus und ging in die Hauslosigkeit. Als Bettelasket wanderte er viele Jahre umher und übte Genügsamkeit bis zur äußersten Schmerzensaskese. Er magerte ab, bis er dem Tod näher war als dem Leben. Eines Tages erinnerte er sich einer Meditationserfahrung, die er als kleines Kind unter einem Rosenapfelbaum hatte. Es stellte sich ein Wohlbefinden ein, das trotz Wunscherfüllung nie wieder auftrat. Diesen Zustand beschreibt der Buddha wie folgt: Da verweilt ein Mönch gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener seliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung (M 26). Das ist die erste Stufe der Versenkung. Er gab nun den Schmerzensweg auf und nahm wieder regelmäßig Nahrung zu sich. An einen stillen Platz unter einen Feigenbaum meditierte er und nach nicht allzu langer Zeit wurde ihm die endgültige Befreiung zuteil. Sieben Tage lang genoss er das Glück der Erleuchtung. Der Asket Gautamo war nun ein Buddha geworden. Nach der Lehrrede Edles Streben (M 26) lehrte er: Zwei Extreme sind im Leben zu meiden: Befriedigung der Sinnenlust und der Weg der Schmerzensaskese. Beides ist zwecklos und unedel, führt nicht zur Befreiung. Der Buddha sagt uns genau, wo die Grenzen der Genügsamkeit liegen: Sie darf sich nicht zu einem Selbstzweck entwickeln, sondern soll Wegbereiter für die spirituelle Entfaltung sein. Das Ziel ist die Befreiung von allen triebhaften Regungen. Es sind nun 2.500 Jahre vergangen, seit der Buddha gelebt und gelehrt hat. Das Leben ist in der heutigen Zeit weniger spirituell, sondern mehr weltlich und am Konsum ausgerichtet. Die Ichbetonung steht im Mittelpunkt. Welcher Medien man sich auch immer bedient, überall erschallt die Stimme: „Genieße! Du darfst! Noch eins! Weitermachen bis zum Umfallen!“ Ist das nicht eine bedenkliche Entwicklung? Man muss nicht Buddhist oder Christ sein, um diese Entwicklung zu hinterfragen. Vielmehr sind wir als kritisch denkende Menschen aufgefordert, nicht alles blindlings hinzunehmen oder mitzumachen. Denn der sich daraus ergebende Schaden wirkt sich negativ auf große Bevölkerungsteile aus. Obwohl der Mensch auf Grund des gegenwärtigen hohen Lebensstandards eine durchschnittliche Lebenserwartung von fast 80 Jahren erreicht, muss das nicht unbedingt ein dauerhaft glückliches Leben bedeuten. Krankheit, Alter, Siechtum und Tod beherrschen auch heute das Leben der Menschen. So entstehen auf Grund unangemessener Lebensführungen neue Krankheiten und Gebrechen, die weder erkannt noch überwunden werden. Dazu gehören nicht nur die körperlichen Krankheiten, wie Hör- und Sehschäden, Krebs- und Herzerkrankungen, deren Zahl rapide ansteigt, sondern es treten auch vermehrt psychische Krankheiten auf, wie Depressionen, Energielosigkeit Schwäche, Drogenabhängigkeit, Demenz, Angstzustände und Wahrnehmungsunfähigkeit. Das sind nur einige Beispiele dafür, welche Konsequenzen eine Wohlstandsgesellschaft nach sich ziehen kann. Unter welchen Gesichtpunkten können sich aus heutiger Sicht Vorteile aus einer genügsamen Lebensführung für den Einzelnen ergeben? Die Genügsamkeit kann nur dann den erwünschten Erfolg für sich selbst und die Mitwesen erbringen, wenn sie durch den philosophischen Weg der Erkenntnis erfahren wird; anderenfalls geriete man mit seinem ganzen Wesen in Schieflage. Wenn ein Mensch einem inneren Befehl folgt wie z. B. „Du darfst keine Wünsche haben“ oder er sich die schätzenswerten Annehmlichkeiten verbietet, so wird sein Körper wie ein lebloser Gegenstand, von dem man sich am liebsten gleich trennen möchte. Traurigkeit kennzeichnete dann sein Wesen. Vielmehr muss eine innere Begeisterung vorhanden sein, die sich wie ein Funkensprühen äußert. Das Mitempfinden gegenüber allen Wesen ist am besten durch Verzicht zu erreichen. Denn freiwilliger Verzicht verhindert so manchen Konflikt mit anderen Wesen, weil er das Wohlergehen der anderen fördert. Ein praktisches Beispiel hierfür sind die steigenden Energiekosten, von denen fast jeder Bewohner unseres Landes betroffen ist. Anstatt nun den Staat aufzurufen, er müsse etwas tun, wäre es viel effektiver, wenn der Einzelne weniger von diesen Ressourcen in Anspruch nähme, indem er den Gas- und Stromverbrauch reduzierte und weniger Auto führe. Nach den Gesetzen einer freien Marktwirtschaft bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Weniger Verbrauch würde als Konsequenz fallende Preise bedeuten. Damit sind wir bei der Selbst- und Mitverantwortung angelangt, der sich ein Mensch nicht entziehen kann, wenn er auf das Wohl aller Wesen bedacht ist. Ich habe persönliche Konsequenzen aus der aktuellen Situation gezogen, in dem ich ein geerbtes Auto verkauft und die Wärmezufuhr in meiner Wohnung um 50 % gedrosselt habe. Das gleiche mache ich mit dem Wasser- und dem Stromverbrauch. Ein solches Verhalten mag vielleicht Protest bei den Lesern hervorrufen, aber irgendwo müssen wir einen Anfang machen, bevor eine Zwangssituation eintritt, in der Wasser, Elektrizität und Öl zur Mangelware werden. Das so sehr von unserer Regierung geschätzte Wirtschaftswachstum, garantiert dem Einzelnen keine dauerhafte Befriedigung. Außerdem sind große Bevölkerungsteile von der sich daraus ergebenden Prosperität ausgeschlossen. Der Hauptgedanke dieser Theorie ist die Vergrößerung des Steueraufkommens und die Minderung der Arbeitslosigkeit. Wirtschaftswachstum verbindet sich aber immer mit der Umweltzerstörung, eine Entwicklung, die den nachfolgenden Generationen nicht zum Vorteil gereichen wird. Wenn Heuschreckenschwärme über kultiviertes Land herfallen, wie es oft in den ärmsten Regionen Afrikas geschieht, bleibt nichts übrig von den Kulturpflanze; die Ernte ist unwiderruflich verloren, Hungersnöte sind die Folge, weil die Insekten alles Fressbare verzehren. Vielleicht sieht es in hundert Jahren auf der ganzen Erde so aus, wenn wir uneingeschränkt weiter verbrauchen. Genügsamkeit ist das Gegenmittel zur Gier. Diese wiederum wird von Gewalt begleitet, und sowohl Gier als auch Gewalt arten in unheilsamen Handlungen aus. Wer Gier, Hass und Verblendung in sich erkannt hat und die Konsequenzen sieht, die sich aus diesen unheilsamen Geisteszuständen ergeben, wäre der nicht froh von dieser Geistesverschlackung befreit zu sein? Wer im Leben Sicherheit und Schutz sucht, der halte sich nicht allzu sehr an äußerlichen Dingen fest. Der Buddha lehrt die Tugend und deren Entfaltung: Nicht töten oder verletzen, nicht stehlen, keine falsche Rede führen, keine sexuellen Ausschweifungen begehen und sich nicht dem Alkohol- und Drogengenuss hingeben. All diese schlechten Eigenschaften kommen gar nicht mehr zum Tragen, wenn man ein genügsames Leben führt. Befolgen wir die Weisungen des Buddha konsequent, umgeben wir uns mit einem Schutz. Der allgütige Buddha ist aus Mitempfinden zu den nachfolgenden Geschlechtern in die Hauslosigkeit gezogen, damit ihnen angemessene Lebensbedingungen verbleiben. Wenn wir Mitempfinden praktizieren, eine der wichtigsten Übungen im Leben nach der Lehre des Buddha, brauchen wir uns gar nicht sonderlich anzustrengen, denn ein einfaches Leben führt zu diesem Geisteszustand. Die Genügsamkeit ist der beste Zugang zur Achtsamkeit und Sammlung des Geistes. Denn je weniger Objekte den Geist füllen, desto leichter wird eine Vertiefung erreicht, aus der sich neue Wertmaßstäbe über die äußere Welt entwickeln. Was uns Menschen heute fehlt, ist Zeit. Sie ist gleich Geld und hat die Eigenschaft, nie auszureichen, denn der Lebensrhythmus besteht aus vielen Aktivitäten. Davon entfällt ein großer Teil auf die vergnüglichen Unternehmungen, die, ist man auf ein einfaches Leben bedacht, zum großen Teil wegfallen. Die hierdurch gewonnene Zeitfülle hat einen großen Anteil an unserem inneren Reichtum. Wenn wir von der Vielfalt zur Einfalt zurückkehren, stellt sich überall Fülle und Lebensfreude ein. Ein Geschenk des Himmels, könnte man sagen. Ich möchte meinen Beitrag mit der Bemerkung beenden, dass ein genügsamer Mensch in einem nicht unerheblichen Maße zum eigenen und auch zum Weltfrieden beiträgt. Auch mag er für jene Bevölkerungsgruppen in Deutschland, wie Arbeitslose, Rentner oder überhaupt einkommensschwache Menschen hilfreich sein, denn die Genügsamkeit wirkt sich auch im eigenen Geldbeutel aus, was im Zuge des aktuellen Teuerungsprozesses der Konsumgüter indirekt eine Einkommensaufbesserung bedeutet. Laotse, ein Zeitgenosse des Buddha sagt: “Wenn das Tao der Welt gegenwärtig ist, fahren die Pferde Dünger auf den Acker, wenn das Tao fern der Welt ist, werden Kriegsrosse vor den Toren der Stadt gezüchtet. Es gibt kein größeres Vergehen als Verlangen, keinen größeren Fluch als die Unzufriedenheit und kein größeres Unglück, etwas für sich selber haben zu wollen. Wer weiß, dass genug genügt, wird daher immer die Fülle haben“ (aus dem Tao Te King). Buddha und seine Jünger, Sokrates, Ghandi, Franz von Assisi und Laotse wählten den Weg der einfachen Lebensführung, denn sie fühlten sich mit allen Wesen verbunden. Dadurch konnten sie Freiheit von Angst und vom Ich erlangen.
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