Buddhistische Gesellschaft Hamburg e.V.

Über das Einheimische und das Fremde

"Heimat ist ein Ort, den man sich nicht zuerst verdienen muss." (Robert Frost)

Über das Einheimische und das Fremde

Ein Gespräch von Ralf Huttary und Matthias Nyanacitta Scharlipp
in Wat Kow Tahm, Südthailand, im Januar 2005

Ralf: Ich schreibe an einer Diplomarbeit für die Universität Innsbruck mit dem Titel "Buddhismus und Tourismus", und ich führe dafür eine Reihe von Gesprächen mit Buddhisten hier in Südostasien. Für mich ist dabei wichtig, möglichst persönliche Antworten auf die Frage zu erhalten, wie praktizierende Buddhisten mit der Erfahrung des "Einheimischen" und des "Fremden" umgehen. Möchtest du mir etwas aus deiner Sicht darüber sagen?

Matthias: Gerne. Mir fällt zu deinem Thema ein Zitat von Karl Kraus ein, das mich sehr ansprach, als ich es vor einigen Jahren las. Er sagte einmal, "das Fremde macht sich dadurch auffällig, dass das Einheimische unruhig wird.“ Dies ist, wie ich finde, eine gute Beschreibung des Verhältnisses von "Heimat" und "Fremde", gerade in Zeiten, in denen viele Menschen auf der Flucht und ohne Heimat sind.
Diese beiden Erfahrungen eines bewegten Lebens spielen auch bei mir eine große Rolle, denn durch den Beruf meines Vaters bin ich schon als Kind viel umgezogen. Mein Vater war Berufsoffizier in der deutschen Bundeswehr, und meine Mutter und wir drei Kinder sind mit ihm alle drei bis vier Jahre an einen neuen Standort gezogen, zuletzt auch ins Ausland. Damit habe ich natürlich ein gewisses "Fehlen von Heimat" erlebt. Dies ist mir damals gar nicht richtig bewusst geworden. Für mich bedeuteten die wechselnden Wohnorte vor allem neue Städte, neue Schulen und neue Freundschaften ... und neue Möglichkeiten. Als ich dann später zum Studium nach Deutschland zurückkehrte, blieb ich länger an einem Ort und schlug dort erste Wurzeln. Insgesamt 15 Jahre lebte ich am Bodensee, und von dort aus reiste ich dann auch das erste Mal nach Thailand, weil ich hier die buddhistische Meditation lernen wollte. Damals stand ich sehr unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse im früheren Jugoslawien und der Hilflosigkeit und Ohnmacht der "zivilisierten" Welt, die sich zum Beispiel in der Preisgabe der für die vom Krieg heimgesuchten Menschen eingerichteten UN-Schutzzonen zeigte. Nach meinem Empfinden kam ich gar nicht so sehr als ein "Tourist", sondern mehr als ein offenherziger und nach Antworten suchender Mensch nach Wat Kow Tahm.

Was hast du studiert?

Rechtswissenschaften an der Universität in Konstanz. Danach hab ich dort acht Jahre als Anwalt gearbeitet und kam im Februar 1994 das erste Mal hier an diesen Ort, weil mir ein Freund geraten hatte, mich fürs Meditieren an dieses Zentrum in Thailand zu wenden. Ich hatte mir damals meinen gesamten Jahresurlaub genommen und hier mein erstes zehntägiges Schweige-Retreat gemacht. Auch in den folgenden Jahren kam ich immer mit dem selben Ziel hierher, mich mit buddhistischer Einsichtsmeditation vertraut zu machen. Und das hieß für mich vor allen Dingen zu versuchen, mit diesen geistigen Werkzeugen von einer eher oberflächlichen Außenorientierung zu einer tieferen Innenwahrnehmung zu gelangen. Sagen wir mal, ein wenig in die Tiefe meiner Person zu blicken und mich selber besser kennen und verstehen zu lernen.
Auch verschiedene private Krisen hatten dieses Bedürfnis Ende der achtziger Jahre bei mir geweckt, und es hat dann noch vier bis fünf Jahre gedauert, bis ich mir schließlich sagte: "Jetzt gehe ich nach Asien und lerne das!" Vorher hatte ich schon Verschiedenes über buddhistisches Geistestraining gelesen, denn zu Beginn hatte es mich vor allem intellektuell interessiert, aber immer wieder las ich auch, das man irgendwann die Bücher aus der Hand legen und mit der Praxis beginnen müsse. So zog ich mich damals auch einmal für ein "Selbstretreat" zwei Wochen in eine von Wind und Wellen umtoste Vulkanhöhle zurück. Dies wurde dann mehr eine intensive Begegnung mit den Naturgewalten. Das, was ich dann aber vier Jahre später hier im thailändischen "Tempel zur Berghöhle" unter systematischer Anleitung erfahren habe, hat mich menschlich sehr tief berührt und begeistert, und ich hatte damals das starke Gefühl - und hab es noch heute - dass hier etwas sehr Kostbares gelehrt wird, das mir dabei hilft, mit den verschiedenen Herausforderungen meines Lebens besser klar zu kommen.
Seitdem meditiere ich regelmäßig und einige Zeit war ich in dieser Tradition des Theravada auch als buddhistischer Mönch ordiniert. Dies hatte sich angeboten, als ich ab 1996 im Allgäu erstmals in einer buddhistischen Gemeinschaft lebte und beim Aufbau eines Waldklosters mithalf, nachdem ich meinen Beruf "an den Nagel gehängt" hatte, weil der Übungsweg des Buddha mich so stark anzog, dass ich mir sagte: "Ich möchte mehr Zeit dafür haben, ich möchte mich intensiver damit beschäftigen ... und ich möchte versuchen, meine Lebensform zu ändern." In dem Waldkloster, in dem ich damals lebte und arbeitete, wurde ich 1997 zum Samanera ordiniert, das ist ein Novizenmönch, der sich im täglichen Leben unter anderem darum bemüht, zehn ethisch-sittliche Verhaltensrichtlinien einzuhalten.

Das ist, glaub ich, für drei Monate?

Nun, das kann man auch auf Lebenszeit bleiben. Aber normalerweise ist es ein Durchgangsstadium zum Bhikkhu, einem vollordinierten Mönch, der sich um die Beachtung von sehr vielen traditionellen Verhaltensregeln bemüht. Aber für Deutschland, für die Situation, die wir damals in der kleinen Gemeinschaft hatten, schien mir eine Lebensform mit 10 Übungsregeln erst einmal ausreichend zu sein, denn wir hatten nicht die materielle Unterstützung um uns herum, die zum Beispiel hier in Thailand für Ordinierte da ist. Ich blieb vier Jahre in dieser jungen Gemeinschaft. In dieser Zeit starb, mit 74 Jahren, meine Äbtissin und Meditationslehrerin Ayya Khema. Sie war eine sehr energische und zielstrebige Nonne und die erste Lehrerin, mit der ich zusammen lebte und intensiv arbeitete. Zwei Jahre nach ihrem Tod hatte sich vieles in der Gemeinschaft geändert, und ich sagte mir schließlich: "So, jetzt ist die Zeit gekommen, um den Schritt ins buddhistische Asien zu wagen!"
Zuvor hatte ich in dieser Gemeinschaft eine junge Buddhistin kennen gelernt, die damals ebenfalls ordiniert war. Wir sind dann gemeinsam auf der Suche nach neuen Lehrern und einer erfahreneren Gemeinschaft erst durch Sri Lanka und später durch Indien gezogen, änderten dort dann unsere ursprünglichen Pläne und entschlossen uns, zusammen zu bleiben und als Paar den begonnenen Weg gemeinsam weiter zu gehen. Wir legten dann im südindischen Auroville formell die Mönchs- und Nonnenrobe ab und heirateten einige Monate später im Kreise einiger alter und neuer Freunde und Familienmitglieder. Jetzt leben Mattea Khema und ich seit bald vier Jahren als Paar in der Nähe dieses Zentrums und helfen den beiden Meditationslehrern, die wir hier gefunden haben, bei der Durchführung von Retreats, die sie seit 1988 auf Wunsch der Gründerin dieses Tempels, der Nonne Mae Chee Ahmon, hier anbieten. Unsere Hilfe ist unentgeltlich, und wenn wir zwischendrin nach Deutschland zurückkehren, geschieht das zum Teil, weil wir gerne das hier Gelernte an interessierte Menschen weitergeben, aber auch weil wir etwas Geld für unseren eigenen Lebensunterhalt benötigen. Danach kommen wir wieder zurück, um weiter zu helfen und zu lernen. Für uns ist es vor allem eine Zeit intensiven Lernens und auch Arbeitens, weil wir gerne unsere Zeit und unsere Kräfte geben, um hier auch für andere etwas Gutes zu tun.
Wenn ich nun darüber nachdenke, wie geht ein Buddhist - und ich sehe mich als europäischen Buddhisten - mit den Herausforderungen hier in Thailand um, dann ist gut zu wissen, dass wir hier in einer westlich geprägten buddhistischen Gemeinschaft ohne asiatische Mitglieder leben. Die beiden Lehrer sind aus dem Westen, Rosemary Weissman aus Australien und Steve Weissman, ihr Ehemann, aus den USA. Dazu zur Zeit um die zehn Assistenten, die hier helfen, und alle ebenfalls aus westlichen Ländern wie den USA, England, Australien, Neuseeland und Deutschland kommen. So sprechen wir hier auch meist Englisch miteinander, obgleich ein jeder versucht, nebenher die Landessprache zu lernen, und oft geht man dafür auch einige Monate nach Bangkok in eine Sprachschule. Wir befinden uns hier also in einer gewissen Randsituation, denn wir leben und arbeiten als westliche Buddhisten in Thailand, im heute größten buddhistischen Land, das die Tradition des Theravada noch pflegt, haben aber auf dieser Insel Koh Pha-ngan, die wegen der vielen Rucksackreisenden eigentlich gar nicht typisch für dieses Land ist, noch einmal eine Sondersituation in der westlich geprägten buddhistischen Gemeinschaft dieses Meditationszentrums.
Wer kommt nun hierher zum Meditieren? Es kommen eine Reihe junger Leute, die vielleicht nach ein bis zwei Wochen eintönigem Strandleben feststellen, dass sie mal etwas anderes tun wollen, vielleicht etwas neues lernen oder mitnehmen möchten, das sie für typisch thailändisch halten. Und so kommen in den Monaten, in denen hier jedes Jahr die Retreats stattfinden, so etwa 30 bis 60 Meditierende jeweils zusammen, und danach verstreuen sie sich wieder in alle Winde. Aber immer wieder kehren auch einige zurück - manche schon seit mehr als zehn Jahren - nehmen regelmäßig Teil an den intensiven Vipassana-Retreats und haben Gelegenheit, sich und andere Menschen etwas besser kennen zu lernen ... und vielleicht ändern sie dann etwas in ihrer Einstellung zum Leben...
Also hier im Meditationszentrum habe ich eigentlich nicht so sehr das Gefühl ein "Tourist" zu sein, und ich habe auch selten das Gefühl, dass ich solchen hier begegne, sondern eher - wie ich es nenne - dem "Strandgut" der westlichen Überflussgesellschaften. Diese meist recht jungen Menschen, die hierher in den Golf von Thailand kommen - vor allem die, die sich für ein Leben in der Natur öffnen oder auch einfach nur ihren Spaß haben wollen, werden in der Regel vom Hauptmagneten dieser Insel, dem Strand von Haad Rin und seinen "Vollmond-Parties" angezogen, und ein kleiner spiritueller Magnet daneben ist dieses Meditationszentrum von Wat Kow Tahm auf diesem Hügel am Meer. Und so ist nach meinem Empfinden mein Aufenthalt, und der der anderen Assistenten und Lehrer, am besten so zu begreifen, dass wir auf unsere unvollkommene Weise auf dieser "Party-Insel" ein kleines geistiges Gegengewicht setzen. Dass zum Beispiel Menschen, die nach zwei Wochen Drogen- und Alkoholkonsum und pausenlosem "Entspannen" am Strand sich aufraffen und sagen können: "Gibt’s hier vielleicht noch was Erfüllenderes?" Dann können sie hierher kommen und sich in die Teilnehmerliste eintragen, und dann geht’s für sie vielleicht los mit der Wegweisung durch ein "gutes Leben"...
Also dieses Gefühl eines "Touristen" habe ich hier, auch wegen der manchmal recht anstrengenden körperlichen Arbeit, eigentlich nicht, und ich begegne auch nicht vielen "Touristen", außer ich gehe nach Samui, wo es mittlerweile eine Reihe Pauschaltouristen gibt, die jetzt die Südwestküste Thailands nach der schrecklichen Tsunami-Katastrophe und den Unruhen in den moslemisch geprägten Grenzprovinzen zu Malaysia meiden.

Ich möchte den Begriff des "Tourismus" im Kontext des Themas "Buddhismus und Tourismus" weit fassen, weil es mir primär um die Fragestellung "Buddhismus und das Fremde" geht, und ich von einem interkulturellen Ansatz ausgehen möchte, der besagt, dass jegliche menschliche Interaktion darauf aufbaut, wie ich "mein Eigenes" definiere, wie ich mit "meinem Fremden" umgehe und wie ich versuche, "im Fremden" mich selbst zu finden. Hier glaube ich im Buddhismus, in der buddhistischen Lehre, eine Tiefe zu entdecken, die uns in unserer westlich geprägten Gesellschaft nicht leicht zugänglich ist. Ich sehe auch einen prinzipiellen Unterschied darin, wie ich als "Tourist", und ich sehe mich in diesem Sinne selbst als solchen, von den Menschen in Asien behandelt werde, besonders in den buddhistischen Ländern.

Was ich hier, im Rahmen meiner buddhistischen Meditations- und Alltagspraxis, zur Verfügung habe, um mit etwas umzugehen, das ich noch nicht kenne und das mir, vor allem anderen erst einmal an mir selbst, "fremd" erscheint, ist die grundlegende Fähigkeit des Menschen, die wir Achtsamkeit oder Gewahrsein nennen. Das ganze buddhistische Geistestraining fußt letztlich auf dieser Möglichkeit unseres Geistes, achtsam und gegenwärtig zu sein. In diesen "Spiegel der Achtsamkeit" rücken dann verschiedene Dinge und natürlich auch viele ungewohnte und fremde Vorgänge, die man in der Stille eines solchen Retreats an sich selber gut beobachten und kennen lernen kann. Und das sind durchaus manchmal sehr schwierige Sachen, die man da erkennt: Gedanken, Emotionen und Überzeugungen, die oft wenig schmeichelhaft sind und dem eigenen Selbstbild nicht entsprechen. Die Arbeit, die dann an meinem eigenen Selbstbild und Selbstverständnis einsetzt, versuche ich mit Interesse und Freude zu machen. Und das ist eine zweite wichtige Qualität, die ich in diesem Land besonders lebendig sehe, und weshalb ich auch hier bin, nämlich dass mir die Menschen hier meist fröhlicher erscheinen als die in Mitteleuropa, die ich am längsten kenne. Die Heiterkeit und Fröhlichkeit der Menschen hier erleichtert es sehr, mich nach innen zu wenden und innere Vorgänge mit einem positiven Vorzeichen zu untersuchen und auch dafür zu arbeiten, dass andere Menschen dies hier in Ruhe tun können. Die Freude, möchte ich sagen, ist ein ganz wichtiges Prinzip, um das man sich aber auch immer wieder gezielt bemühen muss.
Wenn man anfängt, die rasch wechselnden inneren Vorgänge deutlicher zu sehen, dann setzt natürlich zu Beginn auch ein Ausweichmechanismus ein, dem ich aber mit der Zeit gelernt habe zu widerstehen, nämlich der, automatisch wegzuschauen oder das Unbequeme zudecken, rechtfertigen oder sonstwie bemänteln zu wollen. Solche und andere Prozesse sind dann immer wieder auch Gegenstand einer funktionierenden Lehrer-Schüler-Beziehung, die wir hier zum Glück haben. Unsere beiden Lehrer sind sehr erfahren und kennen uns Assistenten mittlerweile auch recht gut. Sie sind sehr geschickt und manchmal auch enorm fest in ihrer Entschlossenheit, einen dann – auf eine mitfühlend liebevolle Weise - nicht "raus zu lassen". Und so kann diese innere Arbeit dann auch gute Früchte tragen.
Also als erstes, würde ich sagen, ist die Achtsamkeit sehr grundlegend und etwas, das wir hier benutzen, um uns besser kennen und verstehen zu lernen, und dazu versuchen wir, mit der nötigen Freude an diese Arbeit zu gehen, was allerdings manchmal schwer fällt. Das muss ich ehrlich sagen: die Freude fällt im Dschungel nicht so einfach vom Himmel, und ich bemühe mich daher darum, sie auch systematisch zu kultivieren.
Eine andere Eigenschaft, die eng mit der Freude zusammenhängt, ist echtes Zutrauen. Dies ist, denke ich, eine Qualität, die dem, was ich als "fremd" erlebe, mit einer gewissen Zuversicht und mit Vertrauen begegnet. Der Zuversicht, dass ich hinter den Vorhang schauen und dort sehr menschliche und vertraute Züge an Unbekanntem entdecken kann, und dem Vertrauen, dass es etwas Weiteres und Tieferes gibt als nur diese vielen um sich selbst kreisenden Planeten von "Ich", "Mein" und "Mir". Und oft sage ich mir dann, vielleicht bei einem anderen Menschen, mit dem sich gerade ein Problem oder Konflikt anbahnt: "Ja, das kenne ich auch von mir!" Sich selber besser kennen und verstehen zu lernen, und das auch bei anderen Menschen zuzulassen, dies ist, glaube ich, eine wichtige Errungenschaft, gerade hier in unserer doch auch sehr unterschiedlich geprägten buddhistischen Gemeinschaft. Amerikaner zum Beispiel scheinen in manchen Situationen ganz anders zu empfinden als Mitteleuropäer, das ist mir eigentlich erst hier richtig klar geworden. Sie sind kulturell ganz anders geprägt, denken und fühlen anders und gehen an bestimmte Situationen oft ganz anders heran. Doch das buddhistische Training im Alltag, das uns hier ermöglicht wird, und auch die stillen Meditationsretreats, an denen wir im Wechsel teilnehmen können, tragen sehr dazu bei, dass wir immer wieder zu einer guten Harmonie miteinander gelangen, die wir hoch schätzen und nach Möglichkeit auch schützen.
Das Zutrauen ist eine der wichtigen Qualitäten, wenn ich mich in einem fremden Land bewege. Unser Innenleben steht oft sehr befremdlich vor uns und das Zutrauen ist es dann, das uns die nötige Zuversicht und das Vertrauen gibt, dass wir mit den geistigen Werkzeugen, die wir gelernt haben, also mit den verschiedenen Meditationsmethoden und mit einem guten Herzen, diese Herausforderungen auch meistern können. Ich glaube, dass dies sehr grundlegend ist, und dass man vor allen Dingen hier - soweit man sich ernsthaft auf dem Weg des Buddha unterwegs sieht - auf diese Weise zu einer bestimmten Form einer "inneren Heimat" gelangen kann. Diese bezeichnen wir auch als eine "Zuflucht", die eigentlich ein dreifacher Zufluchtsgang ist, also eine bewusste Hinwendung, bei der wir deutlich wissen und fühlen: 'Ich gehe zum Buddha - zu dem, was er als Mensch erreicht hat - als meiner Zuflucht; ich gehe zum Dhamma - der Wirklichkeits- und Befreiungslehre des Buddha - als meiner Zuflucht; ich gehe zur Sangha - der Gemeinschaft der Nachfolger auf dem von ihm entdeckten Weg - als meiner Zuflucht.' Das ist eine bewusste Aktivität, denn sie kommt nicht zu mir, diese Zuflucht, ich muss mich selbst auf den Weg zu ihr machen. Und das bedeutet dann natürlich auch, dass ich immer wieder versuche, die Energie, den Mut und das Verantwortungsbewusstsein in mir zu aktivieren, um mich dort hinzuwenden.
Dieser innere Zufluchtsort ist für mich etwas, besonders in den schwierigen Zeiten - die ich in den letzten elf Jahren auch erlebt habe, seit ich systematisch meditiere - dass mir das gute Gefühl und die ruhige Gewissheit gibt, dass der geistige Boden, auf dem ich gehe, stärker geworden ist und mich trägt. Und diesen hat vor allem die formelle Meditation hervor gebracht, in den stillen Retreatzeiten hier, wo geschwiegen wird, aber ebenso die Praxis im Alltag und das manchmal verzichtsreiche Leben in einer sich immer wieder ums Gute bemühenden Gemeinschaft. Doch auch während meiner Reisen durch Deutschland bin ich in irgendeiner Weise immer wieder in Kontakt mit praktizierenden Buddhisten und mit Menschen, die sich für echten geistigen Fortschritt interessieren. Es gibt da fast ein kleines Netzwerk von "Morgenlandfahrern" im deutschsprachigen Raum, von denen Mattea Khema und ich auch immer wieder zur Begleitung von Meditationstagen eingeladen werden.

Würdest du sagen, dass für die Menschen hier, für die Thais, diese Zuflucht, dieser innere Boden, existenter ist, als für die Menschen in unserer Gesellschaft, und es vielleicht deswegen so viele Westler hierher zieht, aus einer gewissen Sehnsucht, diese Freude, dieses Zutrauen, diese "innere Heimat" und diese Eigenschaften zu finden, die daheim vielleicht nicht mehr so leicht zu berühren sind?

Ich kenne nicht sehr viele Thais gut, aber von meinem Gefühl her und von den Kontakten, die sich hier im Rahmen dieses Zentrums und unserer Arbeit ergeben, haben sie einen dickeren Boden unter den Füssen als ich, was diese Zuflucht angeht. Ich bemühe mich intensiv seit einigen Jahren darum, doch ich wurde evangelisch getauft, wurde christlich erzogen und konfirmiert, habe ganz andere kulturelle Prägungen und fing eigentlich erst relativ spät an - mit 32 Jahren - mich für diesen Übungsweg zu interessieren. Also der geistige Boden, auf dem ich gehe, so sehr ich mich um ihn bemühe, ist vielleicht nicht dicker als eine Handbreite und manchmal weiß ich nicht einmal aus welchem Material der eigentlich ist. Aber den Boden eines Thai, der sich selber als praktizierenden Buddhisten bezeichnen würde - so wie ich mich als einen solchen bezeichne - den würde ich doch als etwas tragfähiger einschätzen, als den unter meinen Füßen. Und deshalb bin ich auch hier, weil ich – zu meiner eigenen Geduld - die Unterstützung durch dieses Land und durch den stillen Respekt sehr schätze, den mir manche Menschen hier entgegenbringen, wenn sie mich als Buddhisten aus dem Westen erkennen. Also das ist schon eine der großen Hilfen, die ich vermutlich in dieser Form niemals in nächster Zeit in westlichen Ländern finden werde. Und das ist auch einer der Gründe, warum ich noch länger hier bleiben möchte, wenn möglich, und nicht allzu viel Zeit in Deutschland verbringe, ausser um meiner Arbeit als Meditationslehrer nachzugehen oder Familie und Freunde zu besuchen. Also, da habe ich meinen Schwerpunkt im Moment schon eindeutig hier. Ich denke nicht mehr daran, noch einmal als Anwalt zu arbeiten. Das ist für mich voraussichtlich abgeschlossen.

Willst du noch etwas dazu sagen, wie der Tourismus, der hier passiert, sich aus buddhistischer Sichtweise begreifen oder verstehen lässt bzw. umgekehrt, wie er auf den buddhistischen Background hier wirkt und was du da für ein Zusammenspiel siehst?

Überwiegend würde ich sagen, sind die Motive und Absichten, die die Menschen bewegen, die hierher auf diese Insel kommen – und die eigene Motivation spielt ja eine große Rolle im buddhistischen Geistestraining – stark von Vergnügungssuche geprägt. Sie suchen allem Anschein sehr nach angenehmen Sinneskontakten und angenehmen Empfindungen, und zwar in Bereichen, wo ein meditierender Buddhist niemals ernsthaft längere Zeit nach Glück und Frieden suchen würde. Und daher sind diese Menschen aus unserer Sicht auch potentielle "Kandidaten" für die Schweigeretreats in Wat Kow Tahm, und immer wieder finden auch welche den Weg hierher. Doch ich selbst vermeide einen engeren Kontakt zu dieser "Party-Szene". Wenn ich an den Strand nach Haad Rin zum Schwimmen möchte, gehe ich möglichst früh, wenn alle noch in den Hängematten liegen, und ich bin nicht der einzige, der das so hält.

Ist verständlich, irgendwie musst du dich ja auch abschotten.

Ich versuche dabei, einen guten Mittelweg zu finden, weil ich auch offen bleiben möchte für diese Menschen. Dass ich trotzdem meine Sinnestore beschütze und hüte, ist aber schon ein wichtiger Aspekt der Alltagspraxis, und dass ich mich nicht Situationen aussetze, die mich in etwas reinziehen, in das ich nicht reingezogen werden möchte. Obwohl dieser Lebensstil für uns nicht sehr verlockend ist, hat man uns hier im Tempel einen so "knackigen" Tagesplan als Hilfe an die Seite gestellt, dass man gar nicht auf "abwegige" Gedanken kommen kann. Wir haben - im Wechsel - einen freien Tag pro Woche, und da sind wir oft zu Ruhe bedürftig, um irgend etwas "anzustellen".
Ich möchte noch anfügen, dass ich patriotischer geworden bin hier in Thailand, und dass ich mein Heimatland aus der Entfernung mehr schätze. Wenn ich nach Deutschland fahre, lässt das ziemlich rasch wieder nach und Ernüchterung stellt sich ein, aber irgendwie habe ich in mir Seiten, die ich als "patriotisch" bezeichnen möchte, ohne negative Anklänge in Richtung "national" oder so. Ich denke zwar kulturell meist noch europäisch, aber trotzdem, innerhalb dieses europäischen Rahmens fühle ich mich auch als ein Deutscher oder besser ein Deutschsprachiger, und das ist für mich eine eigene Kultur. Dazu zählen auch die Schweiz und Österreich. Ich schätze diese Kultur, aus der ich komme, und bin – nach meinen Eltern und meinen verschiedenen Lehrern – auch meinem Land in mancher Hinsicht für vieles dankbar, zum Beispiel für die Gesundheitsfürsorge, meine gute Ausbildung, den Rechtsstaat und den Frieden, in dem ich aufwachsen konnte, ... für viele wertvolle Erfahrungen, die ich dort machen konnte. Aber dies alles hat mich auch hierher ins buddhistische Asien geführt, und ich bin gerne hier.
Ich reflektiere oft über meinen Lebensweg, wie er entstanden und bis heute verlaufen ist. Das ist mir sehr wichtig und ein Aspekt der Buddha-Lehre, den ich hier noch erwähnen möchte: die befreiende Wirklichkeit des "bedingten Entstehens" und meine persönlichen Antworten auf die Frage: "Was hat mich alles hierher an diesen Platz geführt?" Diese Betrachtung hat mir zu einer sehr hilfreichen Lebenseinstellung und zu viel Mitfreude und Dankbarkeit verholfen. Denn ich habe gemerkt, dass all diese Schlagworte vom "Selfmademan" und so weiter gar nicht zutreffen. Du stützt dich immer auf andere, und du stehst auf den Schultern anderer. Hier in diesem Tempel und Meditationszentrum stehe ich – neben dem Buddha und seinen Nachfolgern - vor allem auf den Schultern meiner Eltern, meiner Frau und meiner Freunde, aber besonders auch auf den Schultern meiner beiden Lehrer Steve und Rosemary und der thailändischen Nonne Mae Chee Ahmon, die ihre Kenntnisse und Fähigkeiten und diesen besonderen Ort Menschen aus aller Welt zur Verfügung stellen. Diese wunderbaren Menschen haben hier – am anderen Ende der Welt – 17 Jahre lang viel Mitgefühl, Liebe, Energie und Großzügigkeit reingesteckt, um anderen einen ausgewogenen und vielseitigen Zugang zum Dhamma anzubieten, und ich kann ihnen nun dabei helfen ... und das ist gut.
Im Rahmen des Trainings und der Unterweisungen, die hier im Mittelpunkt stehen, spielen Verantwortungsgefühl, Dankbarkeit und Respekt - obwohl man sie eigentlich nicht direkt lehren kann - eine wichtige Rolle. Sie sind Zeichen für inneres Wachstum, denn an ihnen kann man sein Verständnis vom "Entstehen in Abhängigkeit", von der Vernetztheit und Bedingtheit der Dinge, direkt im Alltag ablesen. Wenn hier jemand rumläuft und sagt: "Was für ein toller Kerl bin ich, was habe ich alles geschafft in meinem Leben! Ich brauch niemanden, alles ist nur auf meinen eigenen Bemühungen gewachsen", dann schläft er noch. Wenn ich dagegen merke und fühle "So viele Menschen haben mir geholfen, von so vielen hab ich gelernt", dann fang ich an aufzuwachen. Deshalb freue ich mich sehr, wenn auch einmal alte Freunde hier vorbei kommen. Einige Menschen in Deutschland und Österreich haben Mattea Khema und mir in den vergangenen Jahren sehr geholfen. Ich betrachte sie nicht nur deshalb als gute Freunde, sondern auch, weil sie auf ihre eigene Weise versuchen, einem Weg des Mitgefühls, der Achtsamkeit und der Weisheit in ihrem Leben zu folgen. Und es ist gut, wenn ich Freunde aus meiner "verfehlten" äusseren Heimat wiedersehe, und dass ich hier immer wieder auf Menschen aus dem Westen treffe, die mich darin erinnern, was für ein Glück ich habe, dass ich hier in dieser buddhistischen Kultur auf diesem Weg unterwegs sein kann. Das ist schon toll! Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal so glücklich sein würde. Vor 15 Jahren arbeitete ich in einer sehr angenehmen Umgebung mit hohem Freizeitwert in einer gutgehenden Anwaltskanzlei, die mir gemeinsam mit drei Partnern gehörte, aber in meinem Herzen war ich nicht sehr glücklich. Obwohl ich gut verdient habe, viele Bekannte und Freunde hatte, nach Herzenslust Musik und Sport machen und jeden Tag in der Fußgängerzone meinen Namen auf dem Schild meiner Anwaltskanzlei lesen konnte, doch dies hat mich nicht wirklich glücklich gemacht.
Das Zitat von Karl Kraus, das ich eingangs erwähnt hab, das beziehe ich heute vor allem auf innere Vorgänge, seitdem ich merke, dass ich einmal fremde Landschaften in mir hatte, die ich mittlerweile besser kenne und wofür ich dankbar bin, dass ich ihnen nun freier begegnen kann. Aber ich weiss und fühle, dass ich noch einige dunkle und manchmal auch unheimliche dunkle Ecken in mir habe, die ich nach und nach mit den Methoden des Buddha und einem guten Herzen ausleuchten kann, und ich hoffe dadurch, allmählich ein freierer und ganzerer Mensch zu sein, und vielleicht auch ein heilerer Mensch, der für andere von Segen ist ... und nicht durch mein endliches Leben zu gehen, als würde ich schlafwandeln. – Das ist, was mich drängt, es mit anderen zu teilen...

Danke ganz herzlich für deine offenen Worte.
* * *

Lebenfrist
Mara, die Personifizierung allen Übels, näherte sich dem Erhabenen
und redete ihn mit den Worten an:
"Die Tage und Nächte fliegen nicht vorbei,
Das Leben kommt niemals zum Halt;
Der Sterblichen Lebenszeit währt immer fort,
Wie's Wagenrad sich stets um die Mitte dreht."
Und der Erhabene antwortet:
"Die Tage und Nächte fliegen vorbei,
Das Leben kommt einmal zum Halt;
Der Sterblichen Lebensfrist versiegt gewiss
Wie's Wasser in einem spärlichen Rinnsal."
Und als Mara merkt, "Der Erhabene kennt mich,
der Glückverheissende kennt mich",
verschwindet Mara auf der Stelle, trübselig und enttäuscht.
(Samyutta-Nikaya 4, 10, Übersetzung Matthias Nyanacitta Scharlipp)
 

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