|
Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen: Auf den Spuren des Klosters Osel Ling in Andalusien
Nein, diesmal war es nicht das Hupen des Busses aus Granada, der sich dreimal täglich die kurvige Straße hinauf windet, sondern der Klang Tibetischer Hörner erschallte durch die Poqueiraschlucht.
Schon zum zweiten Mal waren mein Lebensgefährte und ich hier herauf gekommen, herauf in eine der abgelegensten Gegenden Europas, in die Alpujarras, die Südflanke der Sierra Nevada in Andalusien. Ein Jahr zuvor blieben wir nur ein paar Tage, dieses Mal für länger, denn in den zerklüfteten, sonnendurchfluteten Abhängen und Schluchten dieser herrlichen Bergwelt gibt es viel zu entdecken. Besonders hat es uns die Poqueiraschlucht mit ihren Dörfern Pampaneira, Bubión und Capileira angetan: Weiß getünchte Häuser mit schiefernen Dächern und schmucken Schornsteinen schmiegen sich hier in steilen Straßen an die Abhänge, in ihrer Bauweise an jene in Tibet erinnernd. Nach 1492 zogen sich die aus Granada vertriebenen Mauren in die Alpujarras zurück. Ihre Spuren zeigen sich immer noch im verwinkelten Gassengewirr und in den ausgeklügelten Bewässerungsanlagen. Heute kommen Wanderer aus aller Welt hierher, um wunderschöne Touren in der Schlucht, aber auch weit hinauf auf die meist schneebedeckten und windumtosten Gipfel der Sierra Nevada – dominiert vom Mulhacén, dem höchsten Berg der Iberischen Halbinsel – zu machen. Der Tourismus ist sanft und traditionell gastfreundlich. Der Stolz der Einwohner auf ihre in Europa einmalige Landschaft mit ihrer ganz eigenen Fauna und Flora zeigt sich in einem umfassenden Informations- und Ausflugsprogramm. Auch wir wollten die Stille der Poqueiraschlucht genießen, von Capileira aus, unserem Standpunkt, wandern und die Ausblicke auf Mittelmeer und afrikanisches Rifgebirge genießen, das nur selten, bei besonderen Lichtverhältnissen, wie eine Fata Morgana zwischen den Berghängen erscheint. Unser hauptsächliches Ziel aber war ein Tibetisches Kloster, das sich in den zerklüfteten Hängen der Alpujarras verbirgt und eine interessante Geschichte zu erzählen hat:
María und Paco stammen aus Ibiza, flüchteten von dort vor dem Massentourismus und lebten seit den 1970er Jahren in den Alpujarras, in Bubión. Als seit vielen Jahren praktizierende Buddhisten gründeten sie 1978 auf dem Atalaya, dem Bubión gegenüberliegendem Berg, ein Kloster, dem der Dalai Lama den Namen Osel Ling gab. Am 12. Februar 1985 wurde María und Paco, die inzwischen geheiratet hatten, als fünftes Kind ein Junge geboren, dessen ungewöhnlich heiterer Gesichtsausdruck seine Eltern sofort erstaunte. Sie nannten ihn Osel, was auf Tibetisch „Klares Licht“ bedeutet. Schon als Kind fiel Osel, der nie weinte und immer friedlich war, durch sein Erscheinungsbild in der traditionellen Umgebung seines Dorfes auf: Orangene Pluderhosen unter dunkelroter Robe, über ernstem Blick kurz geschorenes Haar.
Lama Zopa wurde auf der Suche nach der Reinkarnation seines Lehrers Lama Yeshe, der in den 1970er Jahren auch der Lehrer von María und Paco gewesen war, auf den ungewöhnlichen spanischen Jungen aufmerksam. 1986 reiste María mit dem Einjährigen nach Neu Delhi, um dort den Dalai Lama zu treffen, der ihn traditionellen Tests unterzog. Kurze Zeit darauf erkannte Osel in Dharamsala Glocken, Rosenkranz und Sonnenbrille des verstorbenen Lama Yeshe wieder und wurde, auch vom Dalai Lama, als dessen Wiedergeburt anerkannt. Der kleine Osel wurde sofort auf eine Reise um die Welt geschickt, auf der er viele seiner alten Zentren und ehemaligen Schüler besuchte. Mit sechs Jahren wurde er nach Indien in das tibetisches Kloster Sera gebracht. Die Eltern waren außer sich vor Glück. Aber wie reagierten die Dorfbewohner? Einerseits waren sie stolz darauf, eine so wichtige Inkarnation in ihren Reihen zu wissen, die nun in einem Kloster in Indien lebte, andererseits bahnte sich schnell der Neid seinen Weg: Waren María und Paco – sie Hausfrau, er Maurer – nicht eben noch mittellos gewesen? Francois Camus, ein Freund, der mit dem Ehepaar aus Ibiza nach Bubión übersiedelt war, vermittelte zwar Aufträge – aber wieso bewohnten sie jetzt ein großes Haus, hatten ein teures Auto und reisten nach Indien? Man zweifelte auch an den mütterlichen Qualitäten: Wie konnte María ihr Kind hergeben? Und genau dies wurde zum Problem. Denn ein Hilferuf erreichte María: „Hol mich hier raus“ soll der verzweifelte Aufschrei des kleinen Osel, nach Jahren der Trennung von seiner Familie, geklungen haben. Seine Mutter, die jahrelang über die Besuchszeiten gestritten hatte, reagierte sofort und holte den mittlerweile Achtjährigen heim nach Bubión. Hier lernte er das weltliche Leben kennen und wurde, trotz seines fremden Mönchsgewands, respektiertes, ja geliebtes Mitglied der kleinen Dorfgemeinde von Bubión. Doch halbwüchsig kehrte Lama Osel in sein südindisches Kloster Sera zurück, wo er eine Weile mit seinem jüngeren Bruder Kunkien und seinem Vater zusammenlebte. Diese familiäre Nähe machte dem Heranwachsenden das abgeschiedene Klosterleben erträglicher. Im Jahre 2002, als es zu einer militärischen Krise zwischen Indien und Pakistan kam, wurden Osel, sein Vater und sein Bruder von der spanischen Regierung aufgefordert, nach Spanien zurückzukehren. Nach Hause in die Alpujarras gelangten die drei allerdings nicht, denn Mutter María lebte bereits wieder auf Ibiza, zusammen mit Francois Camus, den gemeinsamen zwei Kindern und den vier weiteren aus der Beziehung zu Paco. Osel soll inzwischen das Kloster Sera verlassen, die Robe abgelegt haben und auf Ibiza leben.
Entsprechend vereinsamt ist das Kloster in den Alpujarras; gerade soll auch die letzte der dort ansässigen Nonnen gegangen sein. Doch es existiert weiter. Europäer bewahren es: Lehrer und Lehrerinnen – etwa Sylvia Wetzel, der BGH seit langen Jahren verbunden und immer wieder gern gesehener Gast bei uns – halten dort Vorträge und begleiten Retreats und Seminare.
Bereits von Hamburg aus hatten wir Erkundigungen eingezogen und Kontakt zum Kloster aufgenommen. Ohne Leihwagen sei es schwierig, so hieß es. Aber in Ermangelung eines Führerscheins planten wir den Klosterbesuch mit öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. zu Fuß. Mit dem Bus bis „Padre Eterno“, einer kleinen Kapelle am Wegesrand, sollten wir fahren, dann gen Kloster, stundenlang, aufsteigen. Ungünstige Fahrpläne verhinderten dieses Vorhaben. Immerhin: In Bubión entdeckten wir, ganz in der Nähe des Geburtshauses von Osel, einen buddhistischen Laden: Buddhastatuen, Tankhas, Meditationsbedarf, Kleidung etc. in Hülle und Fülle. Die Verkäuferin wies uns von einem Aussichtpunkt gen Meer und Afrika auf das Kloster auf der gegenüber liegenden Bergkette hin: „Da ist es: Da, wo die drei Bäume sind! Obwohl wir uns fast die Augen ausguckten und vom Balkon unserer Herberge in Capileira später schon Buddhastatuen und Stupas zu erkennen glaubten, blieb dieser Hinweis angesichts eines bewaldeten Berghangs doch ergebnislos. Eine Osel Ling sehr verbundene Bergführerin versuchte einige Tage später ebenfalls, uns das Kloster in der Ferne zu zeigen, wobei auch sie auf die drei Bäume hinwies; sie beschrieb uns sogar den Fußweg von Capileira aus dorthinauf. Wie erfreut und mutig wir waren! Allein, wir erreichten das Kloster nicht. Denn zwischen Capileira und Osel Ling liegt die tiefe Poqueiraschlucht, die es zunächst zu überwinden galt – und die Fahrstraße, auf die wir auf der anderen Seite stoßen sollten, um ihr bis zum Kloster zu folgen, fanden wir nicht. Dabei hatten wir sie doch jeden Abend von unserem Balkon aus gesehen, die Scheinwerfer der Autos, die auf ihr fuhren. So schnell gaben wir, beflügelt von Ehrgeiz und Neugierde und bestärkt vom Klang der Tibetischen Hörner, nicht auf. Doch als die Sonne an diesem heißen Tag lange ihren Zenit überschritten hatte, sowohl Wasser als auch Kondition zur Neige gingen, machten wir uns auf den langen Heimweg, der uns wieder in die Schlucht hinab und dann hinauf in die Dörfer Pampaneira und Bubión führte, deren Cafés uns durstige und hungrige Wanderer mit ihren auf lauschige Plätze gestellten Stühlen und Tischen zu mehrfacher Rast einluden. Erst am Abend kehrten wir müde aber glücklich nach Capileira zurück, die Blicke immer noch suchend auf die bewaldete Bergkette gerichtet.
Osel Ling ist für uns ein Mysterium geblieben. Aber wir werden zurückkehren in die Alpujarras und uns erneut auf die Suche begeben.
Kontaktadresse von Osel Ling: Apdo. 99, 18400 Órgiva/Granada, Spanien. Tel. 0034-958343134, Email: oficina@oseling.com, Website www.oseling.com (zurzeit nicht aufrufbar). Den an den Alpujarras Interessierten seien die Websites www.alpujarras.com und capileira.jvs.net sowie das Buch Das Schweigen der Sirenen von Adelaida García Morales (Suhrkamp: Frankfurt/Main 1991) empfohlen. Kartenmaterial gibt es vor Ort. Auf Englisch ist es zu beziehen über elmathompson@wanadoo.es. Man erreicht die Alpujarras am Besten, indem man bis Málaga fliegt und von dort aus mit Bus oder Leihwagen über Granada in die Alpujarras fährt.
|
|